Erlösung für die Toten
Anthon H. Lund
Das Thema, auf das Bruder Winder anspielte—die Arbeit für die Toten—ist ein sehr interessantes. Es ist ein Grundsatz, der dem Evangelium, wie wir es predigen, eigen ist. Es gibt Kirchen, deren Mitglieder daran glauben, für die Toten zu beten; aber wir glauben daran, für die Toten zu arbeiten. Es war eine neue Sache, als der Prophet Joseph diesen Grundsatz der Welt vorlegte. Der christlichen Welt war seit Hunderten von Jahren gelehrt worden, dass der Tod für den Menschen alles beendet; dass, wenn er bei seinem Tod nicht an Christus glaubte, es keine Hoffnung für ihn gäbe. Wenn man die geringe Zahl der Erdbewohner bedenkt, die den Namen Christi gehört haben, und dann daran denkt, dass all die anderen verdammt sein sollen, weil sie nicht das befolgt haben, was sie nie gehört hatten, wird die Widersprüchlichkeit und Ungerechtigkeit einer solchen Lehre sehr deutlich. Das Evangelium Christi wurde in Liebe gestaltet. Gott ist Liebe. Er liebte seine Kinder so sehr, dass er seinen Eingeborenen Sohn sandte, der sich selbst als Opfer für die Sünden aller hingab. Jesus kam und erfüllte seine Sendung. Sein Name ist den Nationen seit Jahrhunderten gepredigt worden. Dennoch bildet die christliche Welt heute nicht ein Drittel der gesamten Bevölkerung des Erdballs. Die anderen zwei Drittel glauben nicht an Christus, und wenn sie sterben, ist nach mancher Ansicht ihre Chance auf Errettung dahin. Wir glauben, dass das Evangelium viel weiter reicht als dies. Wir glauben, dass der Plan der Errettung, der gestaltet wurde, bevor diese Erde ins Dasein rollte, von himmlischen Wesen entworfen wurde, die die Zukunft sehen konnten und verstanden, was geschehen würde, und imstande waren, für die Errettung aller vorzusorgen, die diese Erde bewohnen sollten. Sie taten dies. Wir haben durch den Propheten Joseph erfahren, dass es eine Möglichkeit für jene gibt, die verschieden sind, die Wahrheit zu hören, an Gott und seinen Sohn zu glauben, umzukehren, und dass die heiligen Handlungen des Evangeliums für sie vollzogen werden können. Ich weiß, dass viele diese Lehren für lästerlich gehalten haben; aber sie sind es nicht. Es sind Grundsätze, die den Menschen Hoffnung geben. Ihr habt vielleicht von dem holländischen Häuptling gehört, der von den Christen bekehrt wurde, und als er im Begriff war, in die Wasser der Taufe zu steigen, fragte er, was aus seinem Vater und seinen Vorvätern geworden sei. Der Priester, der ihn taufen sollte, war vielleicht ein wenig eifriger als weise, und sagte ihm, sie seien alle zur Hölle gefahren. Er trat zurück und sagte: „Dann will ich dorthin gehen, wohin sie gegangen sind." Nun, jene, die heute das Evangelium hören, mögen fragen, wohin ihre Vorväter gegangen sind, und man kann ihnen sagen: „Sie alle werden den Namen Christi hören, denn das Evangelium wird ihnen gepredigt werden. Haben sie es hier nicht gehört, werden sie es dort hören; und jedes Knie wird sich beugen, und jede Zunge wird seinen Namen bekennen." Bedenkt, es ist der Geist im Menschen, der hört, versteht und will. Dieses Zelt aus Lehm ist zu diesen Funktionen nicht fähig. Der Geist bedient sich der verschiedenen Sinne, um Wahrnehmungen aus der Außenwelt zu gewinnen. Und wenn der Geist, nachdem er den Körper verlassen hat, in die Geisterwelt eingeht, kann er noch immer denken, wollen und schließen. Der verständige Teil des Menschen stirbt nicht. Zu irgendeiner Zeit werden jene, die bevollmächtigt sind, das Evangelium zu predigen, den Geistern in der Geisterwelt dienen und ihnen die herrlichen Grundsätze der Wahrheit darlegen. Als der Schächer am Kreuz den Erlöser bat, sich seiner zu erinnern, wenn er in sein Reich käme, sah Jesus, dass der Mann bußfertig war, dass er ein zerbrochenes Herz und einen zerknirschten Geist hatte, und er tröstete ihn mit der Verheißung: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein." Ich glaube nicht, dass er diesem Mann eine trügerische Hoffnung hinhielt, als er sagte, er werde an jenem Tag bei ihm im Paradies sein. Ich glaube, dass, als der Geist des Erlösers seinen am Baum hängenden Leib verließ, er ins Paradies einging, und er die Herzen der Geister dort mit der herrlichen Botschaft erfreute, dass er gesiegt hatte, dass er sein Leben für ihre Erlösung gegeben hatte, und dass alles, was sie in ihrer Anbetung getan hatten, die auf sein großes Opfer vorausdeutete, erfüllt worden war, wodurch er ihren Handlungen Gültigkeit verlieh. ¶
Welche Freude muss sie erfüllt haben, als sie dies hörten! Aber er besuchte sie nicht allein. Er ging weiter in die Geisterwelt. Er besuchte die Geister im Gefängnis, die einst das Evangelium gehört und verworfen hatten. Er predigte ihnen das Evangelium, so berichtet uns Petrus. Petrus gibt uns auch zu verstehen, wer sie waren. Es waren die Vorsintflutlichen, die die Botschaft der Errettung, wie sie vom Evangeliumsprediger Noah gepredigt wurde, verworfen hatten. Diese hörten die Stimme des Erlösers in der Geisterwelt. Zweifellos hatten sie reichlich Zeit, über ihre Taten nachzudenken und sie zu bereuen, und sehnten sich nach der Zeit, von der Jesaja gesprochen hatte, wenn die Gefängnistüren geöffnet und die Gefangenen freigelassen werden sollten. Christus tat dies, gemäß dem Zeugnis des Petrus. Warum predigte er ihnen? Manche haben behauptet, er habe dies getan, um sie mit dem zu quälen, was sie verloren hatten. Oh nein! Das war nicht die Sendung Jesu. Er predigte ihnen frohe Botschaft, und er öffnete ihre Gefängnistüren. Eine Gelegenheit wurde ihnen in der Geisterwelt gegeben, das Evangelium anzunehmen und ihm zu gehorchen. So ist es auch mit unseren Vorvätern, die ohne Kenntnis der Absichten Gottes gestorben sind. Sie werden Gelegenheit haben, das Evangelium zu hören und anzunehmen. ¶
Jesus legte in seinem Gespräch mit Nikodemus das Gesetz dar, dem alle gehorchen müssen, die in das Himmelreich eingehen sollen. „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes eingehen." Mit anderen Worten, das Gesetz wurde in den ewigen Ratsversammlungen festgelegt, dass die Taufe zur Errettung notwendig ist. Aber die Geister können nicht getauft werden. Wie also können sie diesem Gesetz gehorchen? Man muss bedenken, dass Jesus dieses Gesetz auf alle ausdehnte. Manche sind so weit gegangen zu sagen, es schließe auch kleine Kinder ein; aber der Herr hat uns offenbart, dass Kinder, bevor sie das Alter der Verantwortlichkeit erreichen, ohne Sünde sind, und daher ist es nicht notwendig, sie zu taufen, da die Taufe zur Vergebung der Sünde dient. Bei einer Gelegenheit hielt Jesus ein kleines Kind empor und sagte zu seinen Jüngern: „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, so werdet ihr nicht ins Himmelreich eingehen." Bei einer anderen Gelegenheit, als er von Kindern sprach, sagte er: „Denn für ihresgleichen ist das Himmelreich bestimmt." Aber nachdem sie das Alter der Verantwortlichkeit erreicht haben, müssen sie diesem Gesetz gehorchen. Da dieses Gesetz für alle Menschen gilt, wie sollen jene, die gestorben sind, ihm gehorchen? Gott hat in seiner Barmherzigkeit dafür gesorgt, dass andere diese heilige Handlung im Fleisch für sie vollziehen können, und diese stellvertretende Arbeit wird in Tempeln verrichtet. Wir danken dem Herrn für diese herrliche Lehre. Sie erhöht unsere Hoffnung für jene, die wir lieben und die den Anforderungen des Evangeliums im Leben nicht gehorcht haben. Wir freuen uns, dass sie im anderen Leben die Gelegenheit dazu haben können. Aber jene in diesem sterblichen Leben müssen für sie getauft werden. ¶
Dies ist keine neue Lehre. Paulus verstand sie und benutzte sie zu seiner Zeit als starkes Argument für die Auferstehung. Welchen Nutzen hätte es, jemanden zu taufen, wenn es keine Auferstehung gäbe? Lest den 29. Vers des 15. Kapitels des ersten Briefes an die Korinther: ¶
„Wie kämen sonst manche dazu, sich für die Toten taufen zu lassen? Wenn Tote überhaupt nicht auferweckt werden, wozu läßt man sich da noch für sie taufen?" ¶
Als ich in England der Beerdigung eines Mitglieds der englischen Kirche beiwohnte und den amtierenden Geistlichen das schöne Kapitel lesen hörte, das diesen Vers enthält, fragte ich mich, was sie wohl über diesen Vers dachten. Aber sie lasen ihn und kommentierten ihn nie. Ich sehe jedoch, dass Dekan Farrar in seinem Buch über „Die frühen Tage des Christentums" sagt: „Wenn Christus zu toten Menschen predigte, die einst ungehorsam waren, dann zeigt uns die Schrift, dass der Augenblick des Todes nicht notwendigerweise für jede sündige Seele eine endgültige und hoffnungslose Qual bedeutet." Nun, wir glauben, dass dem von Jesus an Nikodemus dargelegten Gesetz gehorcht werden muss, und dass Menschen im Fleisch ihm stellvertretend für jene gehorchen können, die verschieden sind. Aus diesem Grund haben wir Tempel gebaut. Ihr mögt sagen, wir hätten nur eine geringe Anzahl von Tempeln, dass nur sehr wenige dort eintreten können, und dass die Myriaden von Geistern in der Geisterwelt nicht von der bloßen Handvoll Menschen erreicht werden können, die hier auf Erden die stellvertretende Arbeit verrichten. Darauf will ich antworten: Wir glauben, dass in der Zukunft reichlich Zeit sein wird. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, solange Gott uns Tage zu leben gewährt, und wir wissen, dass noch viele mehr sich den Reihen der Heiligen anschließen werden. Das Evangelium wird sich ausbreiten, dieses Land wird das Land Zion sein, Tempel werden an verschiedenen Orten errichtet werden, von einem Ende zum anderen, und die Heiligen Gottes, die im Millennium leben, werden diese kostbare Arbeit zu verrichten haben. Dann wird der Schleier, glaube ich, zwischen der Geisterwelt und dieser viel dünner sein; und wir werden für die Toten arbeiten, nicht nur im Glauben, dass jene, für die wir arbeiten, das Evangelium annehmen werden, sondern mit der tatsächlichen Gewissheit, dass sie sich nach der Verrichtung dieser Arbeit sehnen. Ich betrachte die Arbeit für die Toten als einen höchst herrlichen Grundsatz. ¶
Während ich über die Tempel spreche, möchte ich hier vor euch, meine Brüder und Schwestern, eine Erklärung abgeben. Man hat uns beschuldigt, in jenen heiligen Gebäuden Bündnisse einzugehen, die unpatriotisch und gegen unsere Regierung gerichtet seien. Nun erkläre ich hier feierlich vor euch, dass daran kein wahres Wort ist; dass niemand aufgerufen wird, einen Eid oder Bund zu leisten, der in irgendeinem Grad gegen unsere Regierung wirkt. Im Gegenteil, ich möchte sagen, dass jene, die den dort eingegangenen Bündnissen gehorchen, dadurch bessere Bürger sein werden. Sie können gar nicht anders, denn sie schließen dort Bündnisse, dem Herrn zu dienen, ihren Nächsten Gutes zu tun und reine Leben zu führen; und wenn Menschen dies tun, werden sie die besten Bürger sein. Ich vermute, es sitzen Tausende vor mir in diesem Tabernakel, die in unsere Tempel gegangen sind, und sie wissen, dass wahr ist, was ich sage. Ich würde nicht wagen, dies vor euch zu sagen, wäre es nicht so. Ich höre, dass sektiererische Organisationen den angeblichen Begabungseid gegen Senator Smoot vorbringen wollen, mit dem Argument, er sei wegen des Eides, den er im Tempel abgelegt haben soll, nicht fähig, der Regierung die Treue zu halten. Erstens wird kein Eid gegeben oder abgelegt; sondern es werden heilige Bündnisse eingegangen; und zweitens gibt es kein einziges—ich sage es noch einmal—das gegen die Regierung oder dagegen gerichtet ist, dass ein Mensch patriotisch ist und die Gesetze seines Landes aufrechterhält. ¶
Brüder und Schwestern, ich fühle mich wohl dabei, bei euch zu sein. Ich habe mich über diese Konferenz gefreut. Ich hoffe, dass ihr Geist mit uns an unsere verschiedenen Wohnorte gehen wird, und dass der Geist Zions wachsen und Einigkeit und Wohlstand unter den Heiligen vorherrschen mögen. Ich erbitte dies im Namen Jesu. Amen. ¶