Persönliches Zeugnis und der Pfad der Pflicht
B. H. Roberts
Meine Brüder und Schwestern: Es freut mich, bei dieser Gelegenheit bei euch zu sein. Ich fühle mich immer am wohlsten, wenn ich auf dem Weg meiner Pflicht bin und sie erfülle, aber es sind eigenartige Gefühle, mit denen ich heute hier vor euch stehe, denn, wie ich schon so oft gesagt habe, das Predigen ist nicht meine Stärke. ¶
Ich bezeuge, dass ich allem, was während der Konferenz bisher gesagt worden ist, aufmerksam gelauscht habe, und ich kann jedes Wort, das gesprochen worden ist, unterschreiben. Ich bitte Gott, unseren Vater, Seine Segnungen auf uns, Sein Volk, ruhen zu lassen; dass wir aus dem Nutzen ziehen mögen, was wir während dieser Konferenz gelernt haben; dass wir, wenn wir zu unseren Heimen zurückkehren, in Frieden gehen mögen, uns der Unterweisungen erinnernd und uns eifrig bemühend, sie zu befolgen; dass wir nach den Gesetzen unseres Himmlischen Vaters leben und Seine Gebote halten mögen, damit wir Seiner Segnungen würdig sein mögen. ¶
Alle Heiligen der Letzten Tage haben gewisse Pflichten zu erfüllen; und wenn sie dabei den Eingebungen jener stillen, leisen Stimme folgen, werden sie in ihrem Urteil niemals irren, sondern imstande sein, ihre Sendungen auf jene Weise und in jener Art zu erfüllen, die unserem Himmlischen Vater gefällig sein wird. ¶
Ich bitte Gott, dass Seine Segnungen auf uns ruhen mögen, dass Er uns leiten möge. Diese Konferenztage sind, wie ich glaube, für wenigstens zwei Klassen von Menschen recht besorgniserregende Zeiten: für diejenigen, von denen im gewöhnlichen Verlauf der Dinge erwartet werden kann, dass sie zur Konferenz sprechen, und für diejenigen, die ihnen zuhören müssen. Ich bin mir gewiss nicht sicher, wer mehr darunter leidet. Vor sehr langer Zeit hatten wir eine Bischofschaft in der Gemeinde, wo ich lebte, und der Bischof war, wie es vielleicht für einen Bischof passend ist, nicht besonders begabt darin, seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen — er war kein „predigender Bischof"; und er hatte einen Ratgeber, der eine ziemlich ähnliche Gabe hatte. Es gab jedoch Gelegenheiten, bei denen beide gezwungen waren, in der Gemeindeversammlung zu sprechen; und eines Tages, im Gespräch mit dem Ratgeber über dieses Thema, teilte er mir vertraulich mit, dass er wirklich nicht wisse, was ihn mehr quäle — zu versuchen, selbst etwas zu sagen, oder dem Bischof zuzuhören, wie er es zu sagen versuche. Ich habe die vergangenen Tage in der eingebildeten Sicherheit gelebt, dass es nicht wahrscheinlich sei, dass ich während dieser Konferenz aufgerufen würde zu sprechen; aber da die Brüder es gewünscht haben, fühle ich mich geehrt, aufgerufen worden zu sein, zu euch zu sprechen. Ich bete aufs Ernsthafteste, dass mir die richtigen Eingebungen gegeben werden mögen, und dass ich nur jene Dinge sagen möge, die zu sagen angemessen ist und gesagt werden sollte; denn ich habe in meinem Herzen keinen anderen Wunsch, als bei diesem großen Werk der letzten Tage zu helfen, dem ich bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt mein Leben und meine Gedanken und meine Liebe gewidmet habe — obwohl ich vielleicht nicht immer der Aufgabe gewachsen bin, meine Liebe zu diesem Werk in einem vollkommen geordneten Leben auszudrücken, so liebe ich es doch. ¶
Es sind uns während dieser Konferenz viele interessante Dinge zur Kenntnis gebracht worden, und besonders die Hinweise, die auf die Worte des Präsidenten der Vereinigten Staaten gemacht worden sind, der kürzlich Utahs meistgeehrter und willkommener Gast war. Ich hörte seiner sogenannten „Predigt" von diesem Podium aus mit sehr großem Vergnügen zu, und ich dachte, dass er der Gemeinschaft hier in Utah — Nicht-Mormonen ebenso wie Mormonen — einen höchst ausgezeichneten Gedanken und gesunden Rat dargeboten habe. Für mich persönlich befürchtete ich jedoch, dass es eine Predigt sein würde, die auf steinigen Boden fallen würde, und ich zweifelte in meinem Herzen ein wenig daran, ob sie das Gute erreichen würde, das der Vollstrecker der Nation damit zu erreichen hoffte, denn — wie Ältester Whitney vor ein oder zwei Tagen in seiner Ansprache bemerkte — würde jede der Parteien des Streits, den der Präsident im Sinn hatte, wahrscheinlich denken, er meine den „anderen Kerl". Ihr wisst, wir sind alle eifrig um Reform bemüht — beim „anderen Kerl"! Und wir übersehen den großen Grundsatz, dass bei jedem gemeinsamen Bedürfnis nach Reform, wenn sich jeder Einzelne besserte, alle gebessert wären. Ich saß bei jener erwähnten Gelegenheit in der Nähe von Ältester Whitney, und wie er dachte auch ich, der Präsident meine mich; und soweit er mich in seinem Rat meinte, ist die Sache völlig einfach, denn ich bin ein Mann des Friedens. Wenn es wirklich notwendig wird, Dinge zu sagen, die hart erscheinen, glaube ich stets daran, sie auf die angenehmste mögliche Weise zu sagen — nicht dass es einem denselben Grad an Befriedigung gäbe, den man empfinden könnte, wenn man sich „gehen ließe" in der Sache, aber es gefällt dem anderen Kerl so sehr, wenn die harten Dinge auf angenehme Weise gesagt werden. Aber nun, ich glaube nicht, dass sich der Präsident an mich als Einzelperson gewandt hat, sondern er wandte sich an einen hier bestehenden Zustand, einen bestehenden Streit, an dem zwei Parteien beteiligt sind — „Mormonen" und Nicht-„Mormonen". Nun habe ich mich gefragt, ob diejenigen, die die „Mormonen" in jenem Streit vertreten, bereit sind, sich hinzusetzen und ernsthaft die Frage in Betracht zu ziehen, ob es irgendeine Schuld bei uns gibt; ob wir in irgendeiner Hinsicht einen Anschein von Rechtfertigung für den bestehenden Streit geben; und wenn es einen Fehler in unserer Art gibt, den Streit zu führen, oder wenn tatsächliche Fehler unsererseits bestehen, die dem Widerstand, den wir erfahren, in irgendeinem Grad Rechtfertigung geben — sind wir in diesem Fall bereit, solche Korrekturen vorzunehmen, wie sie unsererseits nötig sein mögen, um die Bitterkeit des Streits etwas zu mindern? Selbstverständlich erwarte ich nicht, dass die „anderen Kerle" dergleichen tun; aber ich frage mich, ob wir es nicht tun sollten, und ich vertraue darauf, dass das Beispiel, das wir in jener Richtung geben könnten, wenigstens jeden Rest eines Vorwands für die Bitterkeit hinwegfegen möge, mit der der Kampf gegen uns geführt wird. ¶
Ich kann nicht den Titel eines Historikers für mich beanspruchen, denn das ist ein sehr hoher Titel, ein sehr ehrenvoller; er reiht sich neben Künstler, neben Dichter, neben Philosoph ein; und ich darf mir nicht anmaßen, mich bei meinen stockenden, beschränkten und unvollkommenen Bemühungen dieser Art für einen Historiker zu halten. Doch, wie ihr wisst, ist meine Arbeit in gewissem Umfang in die geschichtliche Arbeit gefallen, und das erzeugt die Gewohnheit, alle Faktoren zu bedenken, die in ein Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen eingehen. Notwendigerweise wird dabei der kritische Sinn geschult, und man gewöhnt sich daran, eine Tatsache gegen eine andere abzuwägen, in der Absicht, zur genauen Wahrheit zu gelangen. Wenn ich dieser Arbeitsweise in Verbindung mit der Geschichte der Kirche folge, würde mich die Wahrheit zwingen zu sagen, was vergangene Ereignisse betrifft, dass unser Volk in seiner Haltung als Gemeinschaft in Bezug auf die Dinge, die wir getan haben, nicht immer schuldlos gewesen ist. Gott hat uns ein System der Wahrheit gegeben, das das Evangelium Jesu Christi ausmacht — meiner Ansicht nach ist dieses Evangelium unverwundbar; es ist vollkommen und mit Wahrheit und Vernunft unangreifbar. Es zu verteidigen ist eine Freude und stets ein Erfolg. Aber unsere Geschichte — was nur ein anderer Name für unser Verhalten ist — ist nicht an allen Punkten zu verteidigen. Während die Kirche in Missouri und Illinois nie etwas getan hat, was die Grausamkeit rechtfertigte, die von den Menschen jener Staaten an ihr geübt wurde, und in deren Verlauf es Verstöße gegen Verfassungen und Verletzungen des Gesetzes gab — während dies alles absolut ungerechtfertigt war und ist —, so gab es doch viel Fanatismus, viel Engstirnigkeit und Bigotterie und Unklugheit seitens Einzelner unter den Heiligen der Letzten Tage. Es ist zu einer Binsenweisheit geworden, dass manche Menschen den Wohlstand nicht ertragen können. Hundert Männer fallen vom Dienst Gottes ab, wenn es ihnen gut geht, gegenüber einem, wenn sie mit Widrigkeiten zu kämpfen haben. Wie der Herr sagt: „Am Tag ihres Friedens haben sie meinen Rat geringgeschätzt; aber am Tag ihrer Beunruhigung, da fühlen sie notgedrungen nach mir." (Lehre und Bündnisse, Abschnitt 101). Wir übersehen manchmal die Tatsache, dass wir den Herrn auch am Tag unseres Wohlstands brauchen. Ein sektiererischer Hymnus erkennt diese Wahrheit an, worin es heißt: ¶
„Sei nahe mir, o Heiland, ich brauche dich in meinen Freuden, nicht weniger als wenn die schlimmsten Übel mein Glück zerstören; denn wenn die Sonne über mir scheint und Freuden meinen Weg umdrängen, verirre ich mich ohne deine weise, leitende Hand nur allzu leicht." ¶
Es ist beinahe eine gefährliche Sache für ein Volk, zu fühlen, es sei der besondere Liebling des Himmels, und dass Gott es vom Rest der Menschheit abgesondert hat, indem Er ihm eine besondere Sendung gegeben hat, und es erhöht, indem Er es zum Aufbewahrungsort Seines Gesetzes, Seiner Wahrheit und zum Vollstrecker Seines Willens auf Erden macht, in Bezug auf das Evangelium Jesu Christi. Wenn ein Volk dies empfindet, fühlt es sich als allmächtig, innerhalb des Gesetzes Gottes, und dass Gott es gegen jeden Widerstand unterstützen wird. Im Staat Missouri gaben zum Beispiel manche unserer Brüder, im Gefühl, die Erwählten Gottes zu sein, fanatischen Äußerungen und Großspurigkeit nach, hinsichtlich dessen, was Gott tun werde, um ihnen das Land Missouri zum Erbteil zu geben. Ihre Großspurigkeit erzürnte die Menschen, von denen sie umgeben waren. Analysiert man streng alle Ursachen, die zu den Katastrophen führten, die unsere Gemeinschaft in Missouri trafen, so wird man feststellen, dass übermäßiger Eifer, Fanatismus, Unklugheit ihrerseits zu den Faktoren gehörten; und wenn ihr nicht geneigt seid, meine Aussagen in dieser Hinsicht anzunehmen, so braucht ihr nur unsere eigene Geschichte und die Offenbarungen unserer Lehre und Bündnisse zu überprüfen und das Wort des Herrn zu hören, mit dem Er Sein Volk für diese Dinge tadelt; und deswegen erklärt Er, dass Er ihren Feinden erlaubte, über sie zu obsiegen; denn weil sie sich nicht streng an das Gesetz Gottes hielten, wie Er es ihnen übergeben hatte, war Er nicht verpflichtet, ihnen den Sieg über ihre Feinde zu geben. Es ist gut, mit uns selbst offen zu sein und ein wenig Selbstprüfung zu üben; sich ein wenig Selbstanalyse zu gönnen und sich hinsichtlich dieser Dinge ins rechte Licht zu rücken, nicht nur als Einzelne, sondern auch als Gemeinschaft. ¶
Lasst mich euch aus einer Offenbarung eine Textstelle vorlesen, die mit einem kleinen Stück Geschichte zusammenhängt, an das euch zu erinnern gut sein mag. In seinen frühen Erfahrungen machte der Prophet Joseph Smith seine Fehler und wurde mehrmals deswegen vom Herrn getadelt. Als der Herr Joseph durch die Hand Moronis die Aufzeichnungen der Nephiten übergab, erteilte Er ihm die strikte Anweisung, dass sie niemandem gezeigt werden sollten außer denen, die der Herr bestimmen würde, und dass die Übersetzung der Aufzeichnung eine heilige Handlung sein sollte. Als Joseph jedoch mit Martin Harris' Hilfe genug von den Platten übersetzt hatte, um etwa hundertsechzehn Seiten Manuskript zu erstellen, begann Martin Harris allzu ungeduldig zu werden, das Manuskript seinen Freunden zu zeigen. Er war so überzeugt, durch diese Übersetzung, dass der Prophet die Aufzeichnung besaß, dass er seinen Freunden, besonders Mitgliedern seiner Familie, das Ergebnis ihrer Arbeit zeigen wollte. Die Angelegenheit wurde dem Herrn vorgelegt, und der Herr sagte Nein. Aber Martin Harris setzte sein dringliches Bitten fort, und Joseph fragte den Herrn immer wieder, bis schließlich die Platten von Joseph genommen wurden, ebenso wie die damit verbundenen heiligen Gegenstände. Nachdem dies geschehen war, wurde Martin Harris die Erlaubnis erteilt, das Manuskript des übersetzten Teils unter einem sehr heiligen Bund zu nehmen, es sicher aufzubewahren, und es wurde ihm genannt, wem er die Übersetzung zeigen dürfe. Martin Harris brach seinen Bund mit dem Propheten, und das Ergebnis war, dass dieses kostbare Dokument dem Propheten und der Kirche verloren ging und bis auf den heutigen Tag verloren bleibt. Der Prophet verlor den Besitz der heiligen Gegenstände ebenso wie der Aufzeichnung. Der Urim und Tummim war fort, und die Bedrängnis jenes Mannes unter diesen Umständen wäre schwer nachzuempfinden. Er war gebeugt vor Demütigung und dem stechendsten Kummer. Schließlich erschien ihm jedoch der Engel und übergab ihm noch einmal den Urim und Tummim; und der Prophet machte sofort davon Gebrauch, um den Herrn zu befragen, und dies war der Beginn der Offenbarung an den Propheten, nämlich: ¶
„Die Werke und die Pläne und die Absichten Gottes lassen sich nicht vereiteln, auch lassen sie sich nicht zunichtemachen; denn Gott wandelt nicht auf krummen Pfaden, auch wendet er sich weder zur rechten Hand noch zur linken, auch weicht er nicht von dem ab, was er gesprochen hat; darum sind seine Pfade gerade, und seine Bahn ist eine ewige Runde. Denkt daran, denkt daran, dass es nicht das Werk Gottes ist, das vereitelt wird, sondern das Werk der Menschen." ¶
Nun bitte ich euch, diese Aussage in Erinnerung zu behalten. Lasst mich sie hervorheben, wenn ich kann — „Gott wandelt nicht auf krummen Pfaden"; und wenn Menschen Ihn so darstellen, als wiche Er von der Wahrheit ab oder wandelte auf krummen Pfaden, so lästern sie Seinen Namen. Und was der Herr selbst erklärt, dass Er es nicht tun werde, dazu inspiriert Er auch keine Menschen; darum sind Gott und Seine Kirche an die Wahrheit verankert. Der Engel nahm den Urim und Tummim wieder in seinen Besitz. Nach wenigen Tagen erschien der Engel, brachte die Aufzeichnungen und die damit verbundenen heiligen Gegenstände mit, und der Prophet wurde wieder in die volle Gunst und Annahme des Herrn eingesetzt; aber Er bezieht sich in der Offenbarung noch einmal auf diese Angelegenheit des Festhaltens an der Wahrheit. Nachdem Er dem jungen Propheten den Plan erklärt hatte, den seine Feinde geschmiedet hatten, um das Werk zu zerstören, sowie die Rechtfertigung, die sie für ihre Versuche, es zu zerstören, geltend machten, sagte Er: ¶
„Der Satan stachelt sie auf, damit er ihre Seele zur Vernichtung führen könne. ¶
Und so hat er einen schlauen Plan zurechtgelegt und gedenkt, das Werk Gottes zu zerstören; aber ich werde dies von ihrer Hand fordern, und es wird sich am Tag des Gerichts zu ihrer Schande und Schuldigsprechung wenden. ¶
Ja, er stachelt ihnen das Herz zum Zorn gegen dieses Werk auf. ¶
Ja, er spricht zu ihnen: Täuscht und legt euch auf die Lauer, um zu fangen, damit ihr zerstören könnt; siehe, das ist nichts Arges. Und so schmeichelt er ihnen und sagt ihnen, es sei keine Sünde, wenn sie lügen, um jemanden in einer Lüge zu fangen, damit sie ihn vernichten können. ¶
Und so schmeichelt er ihnen und führt sie dahin, bis er ihre Seele zur Hölle hinabzerrt; und so lässt er sie sich in ihrer eigenen Schlinge fangen. ¶
Und so geht er auf der Erde auf und ab, hin und her, und trachtet danach, die Menschenseelen zu vernichten. ¶
Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Weh sei dem, der lügt, um zu täuschen, weil er meint, ein anderer lüge, um zu täuschen; denn so jemand ist von der Gerechtigkeit Gottes nicht ausgenommen." ¶
Das gibt mir zu verstehen, dass, obgleich mein Feind lügen und täuschen und verleumden und schmähen mag, dies mich nicht dazu berechtigt, dieselben Waffen gegen ihn einzusetzen. ¶
Weder Gott noch Seine Diener noch Seine Kirche befinden sich in einem Fechtkampf mit Luzifer, bei dem Unwahrheit und Ränke als Waffen eingesetzt werden. Gott wird Seinen Sieg über das Böse nicht mit solchen Mitteln erringen. Er wird ihn dadurch erringen, dass die Wahrheit einen Sieg über die Falschheit erringt. Wenn also jemand uns sagt, Gott weiche von Seinem eigenen Gesetz ab, Er habe dem Ohr ein Wort gesprochen, um es der Hoffnung zu brechen, oder Er habe ein Gesetz für Seine Kirche erlassen, das die Menschen danach missachten und Falschheit üben dürften — indem sie diesem Gesetz zuwiderhandeln oder der Haltung, die Gottes Kirche eingenommen hat —, so können wir wissen, dass jener Mensch sich gewiss irrt, denn wir haben Gottes eigenes Wort als Gewähr dafür, dass Er nicht auf krummen Pfaden wandelt, noch Lüge mit Lüge rechtfertigt. ¶
Wie eifersüchtig sollten wir doch auf die Ehre der Kirche Gottes bedacht sein — der Kirche Gottes! Ich frage mich manchmal, ob wir die wahre Vision davon haben, wie großartig jene Kirche ist. Paulus sagt uns im Brief an die Hebräer, dass die ganze Familie im Himmel und auf Erden ihren Namen nach Christus trägt. Die ganze Familie im Himmel und auf Erden! Die Kirche des lebendigen Gottes! An ihrer Spitze die Gottheit! Danach all die Würdigen, die Ausschüttungen des Evangeliums für diese Erde empfangen haben, kommend durch den großen Patriarchen des Menschengeschlechts — Adam, unser geehrtes patriarchalisches Haupt; und durch ihn zu Henoch, und zu Moses, und zu den Propheten in Israel, zu Johannes dem Täufer und zu Christus, im Mittag der Zeiten, der kam, um das große Opfer zu bringen und die Kundgebung der Liebe Gottes zu den Menschen zu geben, damit von da an alle Menschen wissen könnten, wie groß in der Tat die Liebe Gottes gewesen ist. Dann kam die Ausschüttung an die Apostel und an die Heiligen der frühen christlichen Jahrhunderte; gefolgt von der Zeit der geistlichen Finsternis; und dennoch, da Gott nicht wollte, dass die Wahrheit gänzlich verdunkelt würde, erlaubte Er, dass Bruchstücke davon selbst durch die dunklen Zeitalter hindurch in manchen Lehren der Menschen fortlebten, so wie die Wolken manchmal, nachdem die Sonne hinter dem westlichen Horizont versunken ist, noch etwas von der Herrlichkeit eines scheidenden Tages widerspiegeln. Dann kam schließlich die Ausschüttung in der Zeiten Fülle, mit Gottes großem Zeugen und Propheten jener Ausschüttung, Joseph Smith. Die Kirche Christi besteht dann sowohl auf Erden als auch im Himmel, und ihre Geschichte umfasst all diese großen Ausschüttungen und die noch kommenden Zeitalter. Treue zur Kirche bedeutet Treue zur Gottheit, zu all den großen Propheten, die durch alle Zeitalter hindurch als Gottes Vertreter auf Erden gestanden haben; Treue zur Wahrheit; Treue zur Geschichte der Wahrheit und ihrer Beständigkeit. Ihr wisst, wie eifersüchtig Menschen die Ehre eines Königreichs bewachen — um wie viel verpflichtender ist es dann für die Mitglieder dieses großen geistlichen Kaiserreichs der Kirche Christi, eifersüchtig auf die Ehre jener Einrichtung bedacht zu sein! Irdische Königreiche hatten ihre Patrioten: Richelieu liebte Frankreich; und Bulwer Lytton lässt ihn sagen, als er das Werk betrachtete, das seine Hände und sein Verstand vollbracht hatten, indem sie Frankreich von der Anarchie zum ersten Rang unter den Nationen Europas führten — „Frankreich, ich liebe dich! Nicht die ganze Erde soll dich aus meinem Herzen reißen. Meine Geliebte, Frankreich! Meine Ehefrau! Wer wird für dich und mich die Scheidung verkünden?" Friedrich der Große liebte Preußen; Bismarck liebte das geeinte Deutschland; Garibaldi liebte Italien; Cromwell und die Pitts, und Burke, und Disraeli, und Gladstone liebten England. In unserem eigenen Land liebte Washington die Vereinigten Staaten; ebenso Jefferson, und Webster, und Lincoln. Würdig war gewiss der Patriotismus dieser Männer, aber wie geringfügig, gering und klein erscheinen die Dinge, die ihre Liebe herausforderten, im Vergleich zu diesem Kaiserreich Christi, der Kirche Gottes. Wenn Menschen, sage ich, die Ehre eines irdischen Königreichs teuer halten, um wie viel mehr sollten wir die Ehre des geistlichen Kaiserreichs Christi teuer halten. Der Erzpatriot dieses geistlichen Kaiserreichs ist Christus selbst; und da Sein Kaiserreich herrlicher ist als irdische Königreiche, so übertrifft auch Sein Patriotismus den Patriotismus der Menschen; denn Er ist nicht nur für Sein Kaiserreich gestorben, Er hat für es gelebt! Und dazu, dass Er dafür lebte und dafür starb, sammelte Er in Seiner eigenen Seele alle Leiden der Mitglieder des Kaiserreichs und trug ihre Sünden Selbst, damit sie nicht für die Sünde leiden müssten, wenn sie nur Sein Gesetz beachteten und Seine Gebote hielten: „Denn siehe, ich, Gott, habe das für alle gelitten, damit sie nicht leiden müssen, sofern sie umkehren; aber falls sie nicht umkehren, müssen sie leiden so wie ich, und dieses Leiden ließ mich, selbst Gott, den Größten von allen, der Schmerzen wegen zittern und aus jeder Pore bluten und an Leib und Geist leiden — und ich wollte den bitteren Kelch nicht trinken und zurückschrecken — doch Ehre sei dem Vater, und ich trank davon und vollendete meine Vorbereitungen für die Menschenkinder." (Lehre und Bündnisse, Abschnitt 19). ¶
So ist für mich die Kirche Christi. Sie lieben? Nun, welcher Mensch, der auch nur in geringem Maße einen Blick auf die Herrlichkeit dieses Reiches Christi erhascht, könnte es nicht lieben? Wer, der seine Vorzüglichkeit sieht, würde es nicht lieben und wünschen, es unter den Menschenkindern geehrt zu sehen? Ihre Ehre und ihr Wort, wenn verpfändet, sind das Heiligste, was verpfändet werden kann. ¶
Ich fürchte, ich beanspruche zu viel Zeit, aber es gibt noch einen weiteren Umstand, den ich als Veranschaulichung heranziehen möchte, um zu zeigen, wie sicher das Wort des Herrn stehen muss, und wie Er einen Eid und Bund betrachtet, an den Er oder Sein Volk gebunden sind. Er entstammt einer Erfahrung des alten Israels. Der Herr gab, wie ihr euch erinnert, dem alten Israel Palästina zum Erbteil, und Josua wurde geboten, hineinzugehen und davon Besitz zu ergreifen. Selbstverständlich bedeutete die Besitzergreifung einen Eroberungskrieg. Es gab keine andere Möglichkeit, und da die Völker, die verdrängt werden sollten, den Kelch ihrer Ungerechtigkeit bis zum Überlaufen gefüllt hatten, ging es dabei nur um die Gerechtigkeit Gottes, sie von ihrem Land zu vertreiben. So führte Josua seinen Eroberungskrieg. Es war in mancher Hinsicht ein grausamer Krieg, wie alle Kriege es sind; und er gewann sich — so berichtet uns die weltliche Geschichte — den Titel der „Geißel Gottes". Die Gibeoniter waren ein Volk, das gerade nördlich von Jerusalem lebte, und sie wünschten, ihren Besitz im Land zu behalten und der Strenge Josuas zu entgehen. Sie ersannen folgende List: Sie nahmen eine bestimmte Abordnung, kleideten sie in alte Kleidung, gaben ihnen abgenutzte und erschöpfte Tiere; ihre Zelte und ihre Ausrüstung waren abgetragen und von der Reise verschmutzt; ihre Weinschläuche waren alt, und der Wein sauer und ungenießbar. Diese Abordnung kam zu den Lagern Josuas und gab vor, aus einem fernen Land zu kommen; von einem Volk jedoch, das von Josua und seiner Eroberung gehört hatte, und das befürchtete, er könnte in Versuchung geraten, auch ihr Land in Besitz zu nehmen, und daher wollten sie ein Friedensbündnis mit Israel eingehen, damit sie nicht gestört würden. So schloss Josua, wohl in einem seiner Augenblicke der Barmherzigkeit, einen Bund mit ihnen; und siehe da, die Verkleidungen wurden abgelegt, und hier waren Vertreter eines Volkes direkt vor der Tür seines Lagers, und die zweifellos die nächsten Opfer seines Eroberungskrieges gewesen wären. Aber er hatte einen Bund mit ihnen geschlossen, und er erinnerte sich, dass von alters her in Israel der Grundsatz galt, dass, wenn ein Mensch sich selbst zum Schaden schwört, er den Eid doch hält (Psalm 15:4); und so lebten die Gibeoniter, nachdem der Bund geschlossen war, eine Reihe von Generationen lang in Frieden mit Israel. In den Tagen Sauls jedoch, so werden wir von der Bibel unterrichtet, wurde der Bund verletzt, und Saul brach über jenes Volk herein und vergoss ihr Blut und ging weit darauf zu, es zu vernichten. In den Tagen Davids brach eine Hungersnot aus, und sie hielt an. Die Bemühungen der Priester, die Bemühungen des Königs, die Hungersnot zu stillen, schienen alle vergeblich zu sein. Die Hungersnot dauerte Jahr um Jahr an, drei Jahre lang; bis schließlich das Wort des Herrn zu David kam und sprach: „Es ist wegen Saul und wegen seines Hauses voller Blutschuld, weil er die Gibeoniter erschlagen hat." So sandte David, der die Heiligkeit eines gegebenen Wortes kannte, nach diesen Gibeonitern und sprach: „Was soll ich für euch tun, und womit soll ich Sühne schaffen, damit ihr das Eigentumsvolk des Herrn wieder segnet?" Sie antworteten: „Es ist uns Saul und seinem Haus gegenüber nicht um Silber und Gold zu tun, auch kommt es uns nicht zu, jemanden in Israel zu töten. ... Der Mann, der uns hat vernichten wollen und der darauf aus gewesen ist, uns auszurotten, damit in keinem Teil Israels unseres Bleibens mehr sein sollte, von dessen Nachkommen liefere man uns sieben Männer aus, dass wir sie vor dem Herrn aufhängen in Sauls-Gibea auf dem Berg des Herrn." Hielt David inne und sagte: Ihr habt euren Bund durch Täuschung und Betrug und durch Vorspiegelung falscher Tatsachen erlangt, und wir sind nicht daran gebunden? Nein, das tat er nicht, sondern er fand unter der Familie Sauls das geforderte Opfer, die sieben, und sie wurden hervorgebracht und in die Hände dieses zu Unrecht geschädigten Volkes ausgeliefert, und sie führten sie hinaus auf einen Hügel und hängten sie vor dem Herrn auf, sagt der Geschichtsschreiber; und dann, merkt euch diese Worte: „Und danach ließ Gott sich wieder für das Land günstig stimmen", das heißt, die Hungersnot endete. (2. Samuel 21). Ich bin für diese Geschichte nicht verantwortlich; sie steht in der Aufzeichnung, die ihr als das Wort Gottes annehmt; und sie zeigt uns, wie streng Gott am gegebenen Wort festhält. Aber jemand wird sagen: „Wurde dieses strenge alte Gesetz nicht beiseitegesetzt — dieses Gesetz, das Auge um Auge und Zahn um Zahn forderte; dieses Gesetz, das sagte, du sollst nicht falsch schwören, sondern sollst dem Herrn alle deine Eide erfüllen. Wurde dies nicht alles von Christus beiseitegesetzt, als Er sagte: ‚Schwöret überhaupt nicht'? Und deutet dies nicht darauf hin, dass Gott, obwohl Er ein Gebot gegeben hat, es ändern oder abwandeln kann?" Gott segne euch, der Herr kann, was mich betrifft, tun, was Ihm gefällt, und ich für meinen Teil werde, wenn ich Seinen Willen kenne, tun, was ich kann, um ihn auszuführen; aber merkt euch, diese Beispiele, die ich euch anführe, stammen aus einer Zeit, in der ein Gesetz durch ein anderes ersetzt wurde, als das Gesetz des Moses seinen Zweck erfüllt hatte und dem Gesetz des Evangeliums Platz machte. Ich glaube nicht, dass ihr in der Heiligen Schrift eine Stelle finden könnt, an der der Heiland lehrt, dass man, während das Gesetz des Moses noch in Kraft war, es ungestraft übertreten könne. Er mag das Gesetz des Moses durch das Gesetz des Evangeliums ersetzen, wie Er es getan hat, aber ihr könnt Ihn nicht finden, wie Er zur Übertretung des Gesetzes des Moses rät, solange jenes Gesetz in Kraft war. Der Jehova der Juden, der Moses das Gesetz gab, ist der Christus des Neuen Testaments, und ihr könntet euch keinen solchen Widerspruch vorstellen, dass Er ein Gesetz gäbe und dann dessen Übertretung erlaubte; denn Gott, wie wir gesehen haben, wandelt nicht auf krummen Pfaden. ¶
Nun, meine Brüder und Schwestern, vielleicht ist es nicht angemessen für mich, über diese Dinge zu sprechen; aber ich kann nicht umhin, an sie zu denken; und wenn ich aufgerufen werde zu sprechen, muss ich das sagen, was mir das Wichtigste zu bedenken scheint. Wenn ich irgendwelche Grenzen der Angemessenheit überschritten habe, indem ich mich auf diese Angelegenheiten bezogen habe, bitte ich die Brüder aufs Demütigste um Verzeihung; denn ich versichere euch, es besteht in meinem Herzen keinerlei Wunsch, mir eine Funktion anzumaßen, die nicht rechtmäßig zu meinem Dienst gehört. Ich spreche nur, weil mir stets die Kirche Gottes vor Augen steht, so wie ich versucht habe, sie euch in Gedanken darzustellen, eine Einrichtung, von der ich überzeugt bin, dass sie sich durchsetzen wird; und ich bin überzeugt, dass Gott Seine Diener inspirieren wird, das zu tun, was für das Heil des Volkes und die Ehre der Kirche Christi wesentlich ist. Ich habe das volle Vertrauen, dass alles, was unter uns unbeständig oder sporadisch falsch sein mag, korrigiert werden wird; und die präsidierenden Brüder werden mich, mit Herz und Hand, an ihrer Seite finden, wenn es darum geht, die Ehre und die Herrlichkeit dieses großen Kaiserreichs Christi aufrechtzuerhalten. ¶
Möge der Herr euch segnen, ist mein Gebet. Amen. ¶