Der Charakter Christi
D. Todd Christofferson
Der Apostel Petrus erinnert uns daran, dass es in den Letzten Tagen Zweifler geben wird, die das Zweite Kommen Jesu Christi in Frage stellen: "In den letzten Tagen werden Spötter kommen, die ihren Spott treiben, ihren eigenen Begierden nachgehen und sagen: Wo bleibt seine verheißene Ankunft?" ¶
Petrus erinnert uns daran, dass der "Herr [nicht] zögert". Und sollte es dennoch eine scheinbare Verzögerung bei seiner Rückkehr geben, dann deshalb, weil er uns aufgrund seiner langmütigen Barmherzigkeit mehr Zeit für die Umkehr geben will, bevor der "große und furchtbare Tag des Herrn" kommt. "Der Tag des Herrn wird aber kommen", verkündet Petrus nachdrücklich: "Dann werden die Himmel mit Geprassel vergehen, die Elemente sich in Feuer auflösen und die Erde und die Werke auf ihr wird man nicht mehr finden." ¶
Da wir wissen, dass der Herr kommen und eine neue Erde gründen wird, auf der Rechtschaffenheit herrscht, fragt Petrus: "Wie heilig und fromm müsst ihr dann leben[?]" Er gibt uns den Rat, uns jetzt eifrig vorzubereiten, um vom Herrn, wenn er kommt, "ohne Makel und Fehler in Frieden angetroffen zu werden", während wir ein Leben in Heiligkeit führen. ¶
Als ich so über die Frage des Petrus nachdachte, wie heilig und fromm wir wohl leben müssen, kam ich zu dem Entschluss, heute über den Charakter Jesu Christi zu sprechen. Erst wenn wir uns den Charakter Christi zum Vorbild nehmen, werden wir nämlich zu dem Menschen, der wir sein sollen. Uns den Charakter Christi anzueignen ist eine der wichtigsten Möglichkeiten, seinen Namen auf uns zu nehmen. ¶
Wenn wir den Charakter des Erretters betrachten, neigen wir dazu, sofort seine Eigenschaften wie Tugend, Redlichkeit, Demut, Mitgefühl und Mut in den Mittelpunkt zu stellen. Wir sollten aber auch überlegen, was solche Charakterzüge in Jesus hervorgebracht hat. Ich glaube, dass sie die natürliche Frucht der Gedanken, Wünsche und Absichten seines Herzens sind. Ein christlicher Charakter erwächst aus einem christlichen Herzen. Wenn es uns also gelingen soll, einen christlichen Charakter zu entwickeln, müssen wir die gleichen Beweggründe wie Christus besitzen – die Gedanken, Wünsche und Absichten seines Herzens. Dazu muss mit uns etwas geschehen, was in den heiligen Schriften als mächtige Wandlung im Herzen bezeichnet wird. ¶
Nach König Benjamins inspirierter, prophetischer Rede bezeugte sein Volk: "[Der] Geist des Herrn, des Allmächtigen, [hat] in uns, oder in unserem Herzen, eine mächtige Wandlung bewirkt …, sodass wir keine Neigung mehr haben, Böses zu tun, sondern ständig Gutes zu tun." König Benjamin erwiderte: "Ihr [werdet] die Kinder Christi genannt werden, seine Söhne und seine Töchter; denn siehe, am heutigen Tag hat er euch geistig gezeugt; denn ihr sagt, euer Herz habe sich durch Glauben an seinen Namen gewandelt." ¶
Beim Volk König Benjamins und einigen anderen erfolgte diese geistige Neugeburt mit einem umgewandelten Herzen beinahe augenblicklich. Bei den meisten von uns vollzieht sich die mächtige Herzenswandlung schrittweise und im Laufe der Zeit. In beiden Fällen ist das Ergebnis dasselbe und gleichermaßen gültig. Und in jedem Fall erfordert sie Glauben an Christus, Umkehr, den Bund der Taufe, bei der wir Gehorsam geloben, sowie die Gnade Jesu Christi durch den Heiligen Geist. ¶
Ja, sie verlangt beharrliche und kontinuierliche Bemühungen unsererseits, aber bedenken Sie, dass es nicht nur auf unser Streben ankommt. Die gute Nachricht des Evangeliums Jesu Christi lautet, dass wir alle die Gnade Jesu Christi in Anspruch nehmen können, um Hilfe zu erhalten. Mit unserer Taufe und Konfirmierung verheißt er uns den Beistand des Heiligen Geistes, des Boten seiner Gnade. Durch den Heiligen Geist empfangen wir seinen Einfluss und seine geistigen Gaben – die "Macht des Göttlichen" in unserem Leben. Diese alles verändernde Macht bringt eine mächtige Wandlung im Herzen hervor und die Charaktereigenschaften, die damit einhergehen. ¶
Was sind denn die Herzenswünsche Christi, die wir in unserem eigenen Herzen tragen wollen? Ich will hier drei ansprechen. ¶
Unter den Beweggründen, die den Charakter Christi ausmachen, steht die Nächstenliebe an erster Stelle, "die reine Christusliebe". Es war reine Liebe, die den Herrn noch vor der Schöpfung dazu veranlasste, sich selbst als unseren Erlöser anzubieten. Sein Sühnopfer war und ist die alles überragende Liebestat. Jesus selbst hat gesagt: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt." ¶
Aus der Liebe Christi erwachsen Charaktereigenschaften wie Mitgefühl, Geduld, die Bereitschaft, jemanden zurechtzuweisen, "wenn [man] vom Heiligen Geist dazu bewogen" wird, und mit Sicherheit auch Vergebungsbereitschaft. ¶
Elder David A. Bednar erinnert sich heute noch daran, dass ihn vor einigen Jahren eine Frau aus seinem Pfahl anrief und ihn bat, zwei junge Frauen zu besuchen, die nach einem schrecklichen Autounfall ins Krankenhaus gebracht wurden. In genau diesem Moment erhielt diese Schwester an einem anderen Telefon die schreckliche Nachricht, dass ihre eigene Tochter den Verletzungen erlegen war, die sie sich bei diesem Unfall zugezogen hatte. Ruhig und überlegt sagte sie daraufhin: "Präsident Bednar, wir müssen mit den beiden anderen Müttern Kontakt aufnehmen. Wir müssen sie so gut wie möglich darüber informieren, wie es ihren Töchtern geht und dass sie bald im Krankenhaus sein werden." Elder Bednar erinnert sich: "Es gab kein Selbstmitleid; … sie verkroch sich nicht ins Schneckenhaus. Der christliche Charakter dieser treusorgenden Frau zeigte sich darin, dass sie sich sofort und fast instinktiv nach außen wandte, um sich der Nöte anderer leidender Mütter anzunehmen." ¶
Elder Bednar stellt fest: "Charakterstärke offenbart sich darin, … dass wir in der Lage sind, das Leiden anderer wahrzunehmen, obwohl wir selbst leiden, den Hunger eines anderen zu erkennen, obwohl wir selbst hungrig sind, und dass wir die Kraft haben, auf andere zuzugehen und angesichts ihrer geistigen Qualen Mitgefühl zu zeigen, obwohl wir selbst gerade geistig heimgesucht werden." ¶
Ich denke an Jesus am Kreuz, schmerzgepeinigt und dem Tode nahe, wie er seiner Mutter Maria gedenkt und sie der Obhut seines geliebten Apostels Johannes anvertraut. ¶
Der zweite Beweggrund, der dem Charakter des Erretters zugrunde liegt, ist sein leidenschaftlicher Wunsch, das Glück und den Fortschritt anderer zu fördern. Schließlich verfolgt er – im Einklang mit dem Vater – nur das eine Ziel, die Unsterblichkeit und das ewige Leben der Kinder Gottes zustande zu bringen. Er trug schon seinen Aposteln auf: ¶
"Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein. … ¶
Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele." ¶
Zu den Charaktereigenschaften, die daraus erwachsen, dass man sich dem Wohlergehen und dem Erfolg anderer verschreibt, gehören Demut, Sanftmut, Selbstlosigkeit und Mut. In seiner letzten Ansprache an der Brigham-Young-Universität gab Präsident Dallin H. Oaks den Rat: "Achtet auf die Bedürfnisse anderer, und die Demut folgt auf dem Fuße." Jesus lehrte: "Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig." Die Sanftmütigen sind Vorbilder an Selbstbeherrschung, die in jeder Situation ihre beträchtlichen Kräfte und Gaben einsetzen oder zurückhalten, wie es gerade am besten ist. ¶
Und was die Selbstlosigkeit anbelangt: Gibt es ein besseres Beispiel als die Missionare – zehntausende unserer Missionare, die Monate und Jahre ihres Lebens ausschließlich dem Dienst am Nächsten (und oft Fremden) widmen und im Namen Christi seine unvergleichlichen Gaben der Umkehr und Vergebung anbieten? ¶
Eine dritte treibende Kraft, die für den Charakter Christi grundlegend ist, ist sein Wunsch, den Vater zu verherrlichen und des Vaters Willen in jeder Einzelheit zu erfüllen. Jesus sprach: "Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu vollenden." ¶
Der christliche Wunsch, Gott zu verherrlichen und seinen Willen zu tun, führt zu den Charaktereigenschaften Ehre, Redlichkeit und Tugend. Jesus ist das Musterbeispiel für Redlichkeit, da er "in allem wie wir versucht worden ist, aber nicht gesündigt hat". Wir können dieses Ideal anstreben. Elder Kim B. Clark bezeichnete es einmal als "sittlich vortreffliches Leben" mit der Hilfe des Herrn. ¶
Ein "sittlich vortreffliches Leben" ist ein tugendhaftes Leben. "Tugend ist eine Denk- und Verhaltensweise, die auf hohen sittlichen Maßstäben beruht. Tugendhaft zu sein bedeutet, Gott und Menschen treu zu sein. [Es bedeutet], dass man bestrebt ist, geistig und körperlich rein zu sein." Dazu gehört, dass man die Wahrheit sucht und darauf bedacht ist, ihr treu zu bleiben, richtig zu denken und richtig zu handeln. In seiner letzten Ansprache als Präsident der Kirche vor einem Jahr hat uns Präsident Russell M. Nelson eindringlich aufgefordert: "Unsere Gedanken, Worte und Taten müssen stets tugendhaft und von der reinen Liebe Jesu Christi zu allen Menschen erfüllt sein. Uns bietet sich die großartige Gelegenheit, das Volk zu werden, das Gott braucht." ¶
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jesus aus reiner Liebe denkt und handelt; er sehnt sich danach, anderen Gutes zu tun und sie aufzurichten, und er erfreut sich daran, den Willen Gottes zu tun. Im Glauben an Christus können wir darum beten, dass der Heilige Geist eine mächtige Wandlung in uns bewirkt, uns diese göttlichen Beweggründe ins Herz pflanzt und uns hilft, christliche Charaktereigenschaften verstärkt an den Tag zu legen. Wir können immer wieder umkehren, um in unserem Bestreben, dem Beispiel des Herrn zu folgen, besser zu werden, und "dieser Glaube und diese Umkehr bewirken [dann] eine Herzenswandlung". Wir können "das Volk werden, das Gott braucht". ¶
Ich komme noch einmal auf das Zweite Kommen Jesu Christi zu sprechen. Dass wir uns den Charakter Christi aneignen, ist nicht nur eine Frage unserer persönlichen Vorbereitung, sondern ein grundlegendes Element bei der Vorbereitung der Welt auf die Wiederkehr des Herrn und seine herrliche Herrschaft im Millennium. Wir neigen dazu, den Einfluss christlicher Menschen in der Welt zu unterschätzen, aber der Ansatz Jesu lautete schon immer "einer nach dem anderen" – sowohl beim Wandel der Gesellschaft als auch beim Aufbau seines Reiches. Es ist die Anhäufung individueller Entscheidungen, die im Laufe der Zeit eine Gesellschaft zum Guten oder Schlechten hin formt und verändert. Keiner von uns kann die Welt ganz allein ändern, aber jeder von uns kann Einfluss auf die Welt nehmen. ¶
An diesem freudigen Ostersonntag gebe ich Zeugnis für den auferstandenen, lebendigen Jesus Christus. Er ist das Oberhaupt dieser, seiner Kirche. Präsident Dallin H. Oaks ist von ihm dazu berufen, über die Kirche auf Erden zu präsidieren und der prophetische Sprecher des Herrn für die Welt zu sein. Möge durch den Glauben an Christus unser Charakter letztendlich den seinen widerspiegeln, "damit wir, wenn er erscheinen wird, ihm gleich sein werden …; damit wir diese Hoffnung haben; damit wir rein gemacht werden, so wie er rein ist". Dafür bete ich im Namen Jesu Christi. Amen. ¶