All denen, die tapfer ausgeharrt haben
David A. Bednar
Ich betreibe seit meiner Kindheit Leistungssport, und Laufen trägt entscheidend zum Konditionsaufbau bei. Über die Jahre ist eine bleibende Hassliebe zum Laufen daraus geworden. Ich liebe den körperlichen Nutzen und das mentale Hoch, die regelmäßige Workouts mit sich bringen. Aber ich hasse den Muskelkater, die schmerzende Lunge und die Erschöpfung. Auf vielen meiner Langstreckenläufe habe ich mich kurz vor dem Ziel angetrieben, weiter voranzudrängen, durchzuhalten und bis ans Ende auszuharren. ¶
Im Zusammenhang mit Sport bedeutet das Wort ausharren, dass man intensive körperliche und mentale Anstrengung über einen längeren Zeitraum aufrechterhält. Viele von uns verbinden mit dem Wort ausharren vielleicht auch die Mühen unliebsamer Routinearbeiten und Pflichten. Aber im geistigen Sinne ist ausharren weit mehr, als nur eisern und beharrlich anspruchsvolle Aufgaben zu erfüllen oder Herausforderungen zu meistern. ¶
In den heiligen Schriften treten einige aufschlussreiche Anwendungsbeispiele des Wortes ausharren hervor. So hat der Herr etwa zu den Nephiten gesagt: "Blickt auf mich, und harrt bis ans Ende aus, und ihr werdet leben; denn dem, der bis ans Ende ausharrt, werde ich ewiges Leben geben." ¶
Und durch den Propheten Joseph Smith hat der Erretter offenbart, dass wir, wenn wir seine Gebote halten und bis ans Ende ausharren, "ewiges Leben haben [werden], und diese Gabe ist die größte aller Gaben Gottes". ¶
Ich bete um den Beistand des Heiligen Geistes, wenn wir nun ein höheres und heiligeres Verständnis von dem ins Auge fassen, was es bedeutet, als beständige Jünger des Herrn Jesus Christus bis ans Ende auszuharren. ¶
Im wiederhergestellten Evangelium des Erretters werden wir eingeladen, eine geistige Wandlung zu vollziehen – und nicht nur, unser Verhalten zu verbessern. Wenn wir unseren Charakter, unsere Wünsche, unser Handeln und alles, was wir wirklich lieben, mehr mit dem Willen Gottes in Einklang bringen, kann der Erretter in uns eine umfassende und vollständige Wandlung bewirken. ¶
Wenn wir uns bemühen, den natürlichen Menschen abzulegen und durch das Sühnopfer des Erretters Heilige zu werden, müssen wir zu ihm kommen, "von neuem geboren werden", uns durch heilige Bündnisse und Verordnungen an den Vater und den Sohn binden, unsere Bereitschaft bekunden, den Namen des Erretters auf uns zu nehmen, "eine Fülle des Heiligen Geistes empfangen", eine "mächtige Wandlung im Herzen" erleben und dem Herrn mit ganzem Herzen, aller Macht, ganzem Sinn und aller Kraft dienen. Wir müssen neue Geschöpfe in Christus werden. ¶
Diese mächtige geistige Wandlung ist allein "durch die Verdienste, … die Barmherzigkeit und Gnade des heiligen Messias" möglich. Als sterbliche Wesen sind wir absolut und unaufhörlich auf die Hilfe des himmlischen Vaters und des Erretters angewiesen, damit wir unsere ewige Bestimmung verwirklichen können. ¶
Geistige Gaben sind Segnungen und Fähigkeiten, die Gott seinen Kindern durch die Macht des Heiligen Geistes verleiht. Alle, die durch die rechtmäßige Priestertumsvollmacht und das Händeauflegen die Gabe des Heiligen Geistes empfangen, haben ein Anrecht auf geistige Gaben, "die denjenigen [segensreich zugutekommen], die den Herrn lieben und bestrebt sind, seine Gebote zu halten". Geistige Gaben sind eine Voraussetzung und unerlässlich dafür, dass wir zum Erretter kommen, mit seinen Eigenschaften ausgestattet werden und letztlich mehr wie er werden können. ¶
Schon der Begriff "geistige Gaben" zeigt uns etwas Wesentliches. Alle diese Gaben werden von Gott gemäß seinem Willen und Zeitplan gewährt; es sind keine Ergebnisse, die wir uns allein durch gezielte Anstrengung und Selbstdisziplin erarbeiten. ¶
Mormon bezeugt, dass "Nächstenliebe … die reine Christusliebe" und die größte aller geistigen Gaben ist. Bezeichnenderweise werden das Wort ausharren und seine Synonyme in den heiligen Schriften verwendet, um Nächstenliebe zu definieren und zu beschreiben. ¶
So dauert die Nächstenliebe "für immer fort", "ist langmütig, … sucht nicht das Ihre, … erträgt alles, … erduldet alles". Und, wie die Schwestern sehr wohl wissen, "die Nächstenliebe hört niemals auf". ¶
Mormon hat auch gesagt: "Bei wem am letzten Tag festgestellt wird, dass er [die geistige Gabe der Nächstenliebe] besitzt, dem wird es wohl ergehen." Wir können also Nächstenliebe besitzen, aber letzten Endes sollte sie auch von uns Besitz ergreifen. ¶
Wenn wir mit dieser himmlischen Gabe gesegnet werden, ereignet sich eine Wandlung in unserem geistigen Wesen und unserem Charakter. Die geistige Gabe der Nächstenliebe zu besitzen und sie auch von uns Besitz ergreifen zu lassen, macht einen Teil der geistigen Entwicklung und des Fortschritts aus, die das Evangelium des Erretters letztlich erreichen soll. ¶
Für Jünger des Erretters umfasst Nächstenliebe gleichermaßen das, was wir tun, und das, was wir werden können, wenn diese geistige Gabe schließlich von uns Besitz ergreift. Auf grundsätzlicher Ebene gehören zur Nächstenliebe natürlich Taten, aus denen Mitgefühl, Güte und Großzügigkeit gegenüber anderen sprechen. Aber auf einer höheren und noch heiligeren Ebene ist Nächstenliebe der eigentliche Kern des "Endes", auf das wir mit unserem Ausharren hinarbeiten, nämlich neue Geschöpfe in Christus zu werden. ¶
Diese beiden höher liegenden Dimensionen der Nächstenliebe werden im dreizehnten Glaubensartikel beschrieben. Die erste Hälfte der Aussage betont wohltätige und gütige Taten: "Wir glauben, dass es recht ist, ehrlich, treu, keusch, gütig und tugendhaft zu sein und allen Menschen Gutes zu tun." ¶
Die zweite Hälfte betont die fortdauernde Natur unserer geistigen Wandlung: "Wir glauben alles, wir hoffen alles, wir haben viel ertragen und hoffen, alles ertragen zu können. Wenn es etwas Tugendhaftes oder Liebenswertes gibt, wenn etwas guten Klang hat oder lobenswert ist, so trachten wir danach." ¶
Dieser abschließende Glaubensartikel ist eine Ermahnung an uns, Gutes zu tun, gut zu sein und bis ans Ende auszuharren, indem wir zum Erretter kommen und ihm nachfolgen und die himmlische Gabe empfangen, so zu lieben, wie er liebt. ¶
Das göttliche Wesen und der vortreffliche Charakter des Erretters waren während seines irdischen Wirkens der Ursprung vollkommenen Mitgefühls. Der Erlöser der Welt wandte sich, als er mit geistigem Ungemach oder körperlichem Schmerz konfrontiert war, liebevoll und hilfreich anderen zu – im Gegensatz zum natürlichen Menschen, den wir alle in uns tragen und der sich eigennützig, ichbezogen und egoistisch sich selbst zuwendet. Wenn wir so leben, wie Christus es möchte – und mit seiner Hilfe –, werden unser Wesen und unser Charakter mit der Zeit immer mehr dem seinen ähnlich. ¶
Wenn wir dem Erretter folgen, ihn lieben und ihm dienen, konzentrieren wir uns allmählich weniger auf unsere eigenen Wünsche und Interessen und mehr darauf, die Bedürfnisse anderer zu verstehen und darauf einzugehen. Wir sind nicht lediglich wohltätig, vielmehr wandelt sich unsere ganze Wesensart und wird Christus immer ähnlicher. Die Nächstenliebe ergreift also schließlich Besitz von uns. ¶
"Darum … betet mit der ganzen Kraft des Herzens zum Vater, dass ihr von dieser Liebe erfüllt werdet, … damit wir, wenn er erscheinen wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist." ¶
Die Aussicht, im Erdenleben auch nur in einem geringen Maße mit dem Charakter und den Eigenschaften Jesu gesegnet zu werden, mag uns völlig unmöglich erscheinen. Doch der Erlöser hat "uns den rechten Weg durch Wort und eigne Tat" gezeigt. Die Macht seiner Lehre, seiner Bündnisse und Verordnungen und seines Beispiels kann uns in jedem Aspekt unseres Lebens ein Segen sein. ¶
Das Muster geistiger Entwicklung, das im Erdenleben des Erretters offenbar wird, gilt auch für uns. Jesus Christus war "im Anfang beim Vater". Wir waren es ebenso. ¶
"Er kam und [wohnte] im Fleische" und "er empfing zuerst nicht von der Fülle, sondern [empfing] Gnade um Gnade [und] ging von Gnade zu Gnade, bis er eine Fülle empfing". Als Kinder Gottes können auch wir nach dem gleichen Gnade-um-Gnade-Muster, dem der Erretter gefolgt ist, "zu gegebener Zeit" von seiner Fülle empfangen. ¶
Ich lese jetzt drei Schriftstellen vor, in denen die Worte "bis ans Ende ausharren" vorkommen. Ich füge in jeden Vers die Formulierung "von wem die reine Christusliebe Besitz ergriffen hat" ein, damit wir eine wichtige und ewige Lektion lernen können. ¶
Der Erretter hat seinen Aposteln vor alters gesagt: "Wer … ausharrt bis ans Ende [oder von wem die reine Christusliebe Besitz ergriffen hat], der wird errettet werden." ¶
Nephi bezeugte: "Ich hörte eine Stimme vom Vater, nämlich: Ja, die Worte meines Geliebten sind wahr und treu. Wer bis ans Ende ausharrt [oder von wem die reine Christusliebe Besitz ergriffen hat], der wird errettet werden." ¶
Alma erklärte: "Wer Barmherzigkeit findet und bis ans Ende ausharrt [oder von wem die reine Christusliebe Besitz ergriffen hat], der wird errettet werden." ¶
Bis ans Ende auszuharren ist untrennbar mit der geistigen Gabe der Nächstenliebe verbunden. Bis ans Ende auszuharren besteht nicht nur aus einer nicht nachlassenden Entschlossenheit, die Zähne zusammenzubeißen, an die Grenzen unserer körperlichen Kraft und unseres geistigen Leistungsvermögens zu gehen und die Herausforderungen und Widrigkeiten des irdischen Lebens durchzustehen; es gehört noch weitaus mehr dazu. ¶
Bis ans Ende auszuharren ist ein freudiges Bestreben für ein ganzes Leben – man dringt voller Glauben an Jesus Christus schrittweise weiter vorwärts, fasst Vertrauen in den Erretter, erhält seine Hilfe und wird ihm so ähnlicher. Wird unsere Liebe zu ihm dann immer stärker und tiefer, können wir mit einer geistigen Sichtweise, der stärkenden Gnade des Herrn und überaus großer und unbeschreiblicher Freude gesegnet werden. ¶
Mit den Worten "kommt zu mir" spricht der Erretter in den heiligen Schriften eine erste Einladung aus, seine Lehre zu lernen und danach zu handeln und uns auf den Weg zu einer geistigen Wiedergeburt zu begeben. ¶
Die Worte "bis ans Ende ausharren" erinnern uns in den heiligen Schriften immer wieder an die mächtige geistige Wandlung im Herzen, die sich unser ganzes Leben lang vollziehen soll; sie verheißen uns auch, was wir werden können, wenn wir wahrhaftig die reine Christusliebe besitzen und sie auch von uns Besitz ergriffen hat. ¶
Der Herr hat dem Propheten Joseph Smith offenbart: "Alle Throne und Königreiche, Fürstentümer und Mächte werden offenbart und all denen anheimgegeben werden, die um des Evangeliums Jesu Christi willen tapfer ausgeharrt haben." ¶
Ich lege voller Freude Zeugnis dafür ab, dass jeder von uns mit der Gnade und Barmherzigkeit des Herrn alles glauben, alles hoffen und tapfer in allem ausharren kann. Dies bezeuge ich im heiligen Namen des Herrn Jesus Christus. Amen. ¶