Eine Mission nach Europa
John Wells
Mir ist das Vorrecht zuteilgeworden, eine kurze Mission nach Europa zu erfüllen, nachdem ich von der Ersten Präsidentschaft berufen worden war. Ich freute mich in der Tat sehr, dass mir dieses Vorrecht zuteilwurde, denn ich war noch nie auf einer Auslandsmission gewesen. Meine Arbeit als junger Mann in England war recht ausgedehnt, wenn auch notwendigerweise auf einen Zweig in Nottingham und die nahegelegenen Städte und Dörfer beschränkt. Als ich gebeten wurde, für eine kurze Zeit in mein Heimatland zu reisen, war ich darüber sehr glücklich, besonders als ein ähnlicher Ruf an meinen lieben Freund Arthur Winter erging, der gestern Vormittag zu euch gesprochen und euch einige allgemeine Vorstellungen über unsere Pflichten und die Zustände in Europa gegeben hat. ¶
Es mag euch interessieren zu erfahren, dass Bruder Winter und ich in derselben Stadt geboren wurden, als Kinder in denselben Straßen zusammen spielten, dieselbe Schule besuchten und im selben Büro zusammenarbeiteten. Er hörte und nahm das Evangelium an und arbeitete Monat für Monat unermüdlich mit mir, indem er mir dessen wunderbare Grundsätze lehrte und beständig von dessen Wahrheit Zeugnis gab. Argumente, schriftgemäße und andere, schienen mich nicht zu beeindrucken, aber schließlich bat ich den Herrn, mir Licht und Verständnis zu geben. Als ich dies mit Inbrunst tat, begann ich, das Evangelium zu verstehen, und nahm es an. Vor fünfundzwanzig Jahren hatten Bruder Winter und ich das Vorrecht, in unser Heimatland zurückzukehren, wo wir einen kurzen Aufenthalt genossen. Worte können unsere Dankbarkeit gegenüber dem Herrn für das Evangelium nicht ausdrücken, für die wunderbaren Gelegenheiten, die uns beiden durch die Segnungen zuteilgeworden sind, die wir genießen, und für das Vorrecht, in dieses gute Land zu kommen, wo uns die Gelegenheit gegeben wurde, im Evangelium geschult und erzogen zu werden, und nun, nach fünfundzwanzig Jahren, kehren wir wieder aus England zurück, voll der Dankbarkeit gegenüber unserem Himmlischen Vater für alles, was das Evangelium für uns getan hat. ¶
Die Erste Präsidentschaft wies uns an, uns bei Präsident Widtsoe zu melden und unter seiner Leitung zu arbeiten. Während unserer Überfahrt nach Europa erhielten wir ein Funktelegramm mit der Bitte, statt in Plymouth an Land zu gehen, nach Basel in der Schweiz weiterzureisen. In Basel wohnten wir der Schlusssitzung der Konferenz der Präsidenten der Europäischen Missionen bei. Ein Tag wurde mit Präsident Widtsoe verbracht, der darlegte, was er von uns bei unseren Besuchen der Missionen erwartete. Diese Anweisungen wurden ausgeführt, soweit es Zeit und Umstände erlaubten. Unsere Arbeit bestand hauptsächlich darin: die Schreibarbeit in den Missionsbüros zu verringern, die Arbeit der Distriktpräsidenten und Sekretäre zu vereinfachen und, wenn möglich, zu verringern, die Organisation von Zweigen unter der Leitung des örtlichen Priestertums zu fördern, örtliche Selbstverwaltung in den Zweigen zu entwickeln. Präsident Widtsoe übertrug mir die besondere Aufgabe, die Organisation, die Pflichten und Aufgaben des Aaronischen Priestertums auszuarbeiten, das ¶
Gesetz des Zehnten, die rechte Verwendung der Zehnten für Missionszwecke, die Fürsorge für die Armen usw. ¶
Es war in der Tat sehr erfrischend, in der Gesellschaft von Präsident Widtsoe zu sein, mit seinen herrlichen Verwaltungsgaben und seinem wunderbaren Verständnis für die Bedürfnisse der Missionen Europas. Seit er als Präsident der Britischen Mission entlassen worden ist, arbeitet er Tag und Nacht daran, die Arbeit der verschiedenen Missionen Europas zu organisieren und zu systematisieren. ¶
Basel ist der Sitz der Schweizerisch-Deutschen Mission. Dort fanden wir eine treffliche Schar Heiliger der Letzten Tage. Es gab viele große Zweige verständiger Mitglieder, und als wir diese Mission und die Deutsch-Österreichische Mission besucht hatten, hatten wir eine sehr hohe Meinung vom deutschen Volk. Sie sind gebildet und erzogen und haben sehr hohe Ideale. ¶
Unser nächster Aufenthalt war in Genf, wo wir mit dem Präsidenten der Französischen Mission zusammentrafen, der eine treffliche Gruppe junger Ältester hat. Sie bemühen sich, Vorurteile abzubauen, und wünschen die Gelegenheit, der französischen Nation eine faire Gelegenheit zu geben, das Evangelium zu hören. Präsident Woolf hat den Sitz nach Paris verlegt, wo er einen Zweig zu organisieren und eine ziemliche Anzahl von Heiligen der Letzten Tage zu sammeln hofft, die besondere Kurse an den großen Universitäten in Wissenschaft, Kunst und Literatur belegen. Es gibt einige Mitglieder der Kirche, die dauerhaft in Paris wohnen. ¶
Bei unserer Abreise von Genf besuchten wir Oberammergau, wo wir das große Passionsspiel sahen. Es ist eine wunderbare Darbietung, aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber unser eigenes großes Festspiel sehen. Ich empfand den Einfluss unseres eigenen Festspiels stärker als den des Passionsspiels. Indem ich dies sage, möchte ich jedoch das wunderbare Werk der Dorfbewohner von Oberammergau nicht schmälern. ¶
Von dort begaben wir uns in die Tschechoslowakei, wo wir eine Anzahl Ältester in der Stadt Prag trafen. Sie sind glücklich und zuversichtlich hinsichtlich der Zukunft. Ich glaube, im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl wird in jener Stadt mehr Englisch gesprochen als in jeder anderen fremden Stadt. Die Ältesten predigten den Menschenmengen auf Englisch. Sie stellten fest, dass sie beim Erlernen der tschechischen Sprache keine Fortschritte machten, weshalb sie beschlossen, untereinander nur Tschechisch zu sprechen. Sie sind nun bereit, in die ländlichen Bezirke hinauszugehen. Ich glaube, dieses Land hat eine große Zukunft vor sich. Die Reformation begann in der Stadt Prag. Sie war die Heimat von Jan Hus. Ich war erfreut zu hören, dass das Volk dankbar war für das, was die Vereinigten Staaten für sie getan haben, um ihre Freiheit zu sichern, und dass sie Straßen und andere Orte nach großen Männern der Vereinigten Staaten benennen. ¶
Von Prag begaben wir uns nach Dresden und stellten fest, dass Präsident Edward P. Kimball wegen der Krankheit seiner Frau entlassen worden war. Er hatte gerade erst begonnen, Ideen für die Entwicklung der Missionsarbeit in der Deutsch-Österreichischen Mission einzuführen. Während unseres Aufenthalts besuchten wir die große Gesundheitsausstellung. Die Ausstellung der Heiligen der Letzten Tage versinnbildlichte die Worte: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen." Die Ausstellung betonte das Wort der Weisheit und dessen Wirkungen ¶
auf das Volk in Utah. Ein Tisch war im Raum bereitgestellt worden, auf dem kleine Faltblätter mit dem Titel „Das Wort der Weisheit" lagen, und einhundertzwanzigtausend dieser Faltblätter waren mitgenommen worden. Wir begaben uns dann zum früheren Wohnhaus von Karl G. Maeser in Meissen und standen ehrfürchtig vor dem Haus, während wir über das Leben und Wirken jenes großen Mannes sprachen. Einer der Brüder sagte: „Was für ein wunderbares Werk hat Bruder Maeser für die Kirche getan." Ein anderer antwortete ihm: „Ja, und was für ein wunderbares Werk hat die Kirche für Bruder Maeser getan." ¶
Von dort begaben wir uns nach Berlin, wo wir mit einer Anzahl Ältester zusammentrafen. Jene Stadt hat eine treffliche Schar Heiliger der Letzten Tage und eine herrliche Pfadfindertruppe. Wir trafen uns eines Abends mit den Mitgliedern des Zweiges. ¶
Der nächste Aufenthaltsort war Kopenhagen, das eine der fruchtbarsten Missionen der Kirche gewesen ist. Es wird behauptet, dass im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl mehr Menschen in Dänemark das Evangelium angenommen haben als in jedem anderen Land. Ein schönes Missionsheim und eine Kapelle werden dort errichtet. Die Gebäude gereichen der Gemeinde zur Ehre, und diese beiden trefflichen Gebäude werden dem dänischen Volk zeigen, dass die Heiligen der Letzten Tage dort bleiben werden. ¶
In Stockholm wurden wir sehr herzlich empfangen. Mehrere Tage wurden mit Büroarbeit verbracht. Wir trafen zweimal mit den Heiligen bei ihren Versammlungen zusammen. Wir trafen uns auch mit dem örtlichen Priestertum und mit den Missionaren; tatsächlich war dies unsere Vorgehensweise überall, wohin wir kamen. Das Volk wie auch die Missionare erwiesen uns eine königliche Behandlung, und als wir abreisten, war eine große Schar der Heiligen am Bahnhof, um uns Lebewohl zu sagen, und sang zwei der Lieder Zions, sehr zum Erstaunen der Reisenden im Zug. ¶
Wir setzten unsere Reise nach Oslo fort, wo wir uns den Angelegenheiten der Kirche widmeten. Wir besuchten einen Zweig fünfundvierzig Meilen südlich, trafen die Ältesten, und während unseres Aufenthalts dort fand das jährliche Fest für die alten Leute statt. Ich bemerkte viele betagte Menschen, die unter gewöhnlichen Umständen nie Gelegenheit haben werden, nach Zion zu kommen, und die dennoch voller Glaube und Hingabe sind. ¶
Unser nächster Besuch galt Rotterdam. Wir trafen mit dem Präsidenten und seinem Stab sowie mit den Heiligen in Rotterdam und Utrecht zusammen. Eine besondere Versammlung wurde mit den Ältesten in Utrecht abgehalten, bei der dreißig von den fünfzig Ältesten der Mission anwesend waren. ¶
Danach begaben wir uns nach Birmingham in England, das nun der Sitz der Britischen Mission ist. Dort hatten wir die Freude, mit einer großen Schar Ältester zusammenzutreffen. Nach der Erledigung der laufenden Büroarbeit genossen wir die Gastfreundschaft von Präsident Lund und seiner Frau. Einige Tage später trafen wir mit allen Distriktpräsidenten sowie mit Präsident und Schwester Widtsoe zusammen. ¶
Liverpool war unser nächstes Ziel. Wir berichteten Präsident Widtsoe über unsere Arbeit in den Missionen und Schwester Widtsoe über Angelegenheiten der Frauenhilfsvereinigung, der Gegenseitigkeitsvereinigung und der Primarvereinigung. In England fanden wir eine große Zahl Heiliger der Letzten Tage ohne Arbeit vor. Armut hängt sehr eng mit der Arbeitslosigkeit zusammen, aber durch die Bemühungen der Zweigorganisationen erlangen manche Beschäftigung, und ich freue mich sagen zu können, dass keine Heiligen der Letzten Tage Mangel an den Notwendigkeiten des Lebens leiden. ¶
Viele haben gefragt: „Wie habt ihr die Zustände in England, Deutschland usw. vorgefunden?" Wir fanden eine ernste Geschäftsdepression und viel Armut vor. Wir glaubten, in beiden Ländern die demoralisierende Wirkung des Stempelgeld-Systems zu bemerken. In den meisten Ländern, die wir besuchten, herrschte eine Neigung, die Religion zu missachten. Manche sagten: „Wozu nützt die Religion? Sie hat den Krieg nicht verhindert." Wir erwiderten in mehreren Fällen, hätte das Evangelium Jesu Christi die christlichen Nationen beherrscht, wäre Krieg unmöglich gewesen. ¶
Manche Länder Europas sind sowohl politisch als auch wirtschaftlich noch unruhig, und es ist wahrscheinlich, dass es in den nächsten Jahren zu ernsten Veränderungen in ihren Regierungsformen kommen wird. ¶
Alle Ältesten scheinen begeistert. Sie entwickeln sich bemerkenswert. Sie sind die vorzüglichste Schar von Männern, die ich außerhalb Utahs gesehen habe. Ich war entzückt über ihre Gefasstheit und Klugheit. Der Kapitän eines der Schiffe sagte mir: „Ich bin immer froh, wenn Missionare der Heiligen der Letzten Tage auf meinem Schiff sind. Sie sind die saubersten, am besten erzogenen und am besten benommenen Reisenden. Ich habe sie immer gern. Sagt das euren Leuten von mir." ¶
Was die Gleichgültigkeit der Völker Europas gegenüber der Religion betrifft, so frage ich mich. Es gibt eine Gegenreaktion gegen jede Art von Religion. Das Ergebnis wird, glaube ich, sein, dass ehrliche Männer und Frauen in naher Zukunft nach einer wertvollen Religion Ausschau halten werden, und ich hoffe, dass solche ehrlichen Menschen, wenn jene Zeit kommt, der Botschaft dieser Kirche Gehör schenken werden. ¶
Möge der Herr die Heiligen der Letzten Tage segnen. Mögen wir unsere Verantwortung, das Evangelium zu predigen und die Welt zu warnen, tief empfinden. Mögen die Kollegien der Hohepriester, der Siebziger und der Ältesten sich ihrer Verantwortung erheben und mit den Bischöfen zusammenarbeiten, damit der Sohn oder die Tochter der Witwe das Vorrecht habe, ins Missionsfeld zu gehen. Wenn jedes der fünfhundert Ältesten-Kollegien, der hundertfünfzig Siebziger-Kollegien und der hundertvier Hohepriester-Kollegien sich entschließen würde, einen Missionar zu unterstützen, könnte die Zahl der Missionare wesentlich erhöht werden. Ich bitte den Herrn, uns alle zu segnen, damit sein Wille geschehe und Rechtschaffenheit auf Erden errichtet werde. Ich erbitte diese Segnungen im Namen des Herrn Jesus Christus, Amen. ¶