Pulpit

In Christus lebendig

Dallin H. Oaks

Generalkonferenz April 2026·Versammlung am Sonntagvormittag·2026-04-01

An diesem herrlichen Ostersonntag möchte ich zuerst über die Auferstehung sprechen, die eine Säule unseres Glaubens ist.

Die buchstäbliche Auferstehung Jesu wird in so vielen Schriftstellen thematisiert, dass sie für alle, die an die Bibel und das Buch Mormon glauben, eine unumstößliche Lehre ist. Ebenso ist für uns die Auferstehung aller Menschen eine Gewissheit. Im Buch Mormon heißt es ja:

"Der Geist und der Leib werden wieder in ihrer vollkommenen Gestalt vereinigt werden …

Nun wird diese Wiederherstellung allen zuteil, seien sie alt oder jung, seien sie geknechtet oder frei, seien sie männlich oder weiblich, seien es die Schlechten oder die Rechtschaffenen." (Alma 11:43,44.)

Ich frage mich, ob uns wirklich bewusst ist, welch enorme Bedeutung dieser Glaube an eine buchstäbliche Auferstehung aller Menschen hat. Die Überzeugung, dass der Tod nicht der Schlusspunkt unserer Identität ist, ändert gänzlich, wie wir unser irdisches Leben betrachten. Sie beeinflusst, wie wir auf die körperlichen Herausforderungen des Erdenlebens blicken. Sie gibt uns die Kraft und Perspektive, die wir brauchen, um die irdischen Herausforderungen durchzustehen, die sich uns selbst und unseren Lieben stellen. Sie zeigt auf, dass irdische Unzulänglichkeiten nur vorübergehend sind! Sie gibt uns auch den Mut, uns dem eigenen Tod oder dem eines geliebten Menschen zu stellen – selbst einem Tod, den wir vorzeitig nennen würden.

Unser Glaube an die Auferstehung spornt uns auch an, im Erdenleben unsere Pflichten in der Familie zu erfüllen. Er hilft uns, in diesem Leben liebevoll miteinander zu leben, in Erwartung eines glücklichen Wiedersehens und Zusammenseins im Jenseits. All diese Wahrheiten sind in dieser Versammlung mit großer Klarheit verkündet worden.

So würdig zu leben, dass man Christus begegnen kann, ist keine leichte Aufgabe. Viele heutige Autoren beschreiben unsere Zeit als toxisch, als eine Zeit der Geringschätzung oder Feindseligkeit gegenüber Gegnern. Diese Feindseligkeit wirkt sich auf viele verschiedene Beziehungen in der Gesellschaft aus und betrifft doch etliche Leute, deren christliche Überzeugungen sie eigentlich in eine andere Richtung lenken sollten.

Unser Erretter Jesus Christus hat uns gelehrt, wie wir miteinander umgehen sollen. Die wichtigsten Gebote im Gesetz, so lehrte er, lauteten zu lieben, und zwar Gott und den Nächsten (siehe Matthäus 22:37-39).

Auf die Frage "Wer ist mein Nächster?" antwortete Jesus mit einem Gleichnis, in dem das barmherzige Handeln eines Samariters gelobt wird, der ja aus einer Gruppe stammte, die von den Juden isoliert und geringgeschätzt wurde (siehe Lukas 10:29-37). Doch Jesu Lehren darüber, wie weit die Nächstenliebe reichen soll, gingen weit über die Samariter hinaus. In der Bergpredigt verkündete er:

"Ihr habt gehört, gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen." (Matthäus 5:43,44, Schlachter 2000.)

Welch revolutionäre Lehre für persönliche Beziehungen! Wir sollen sogar unsere Feinde lieben! Doch wer sind unsere Feinde? In seiner vollen Bedeutung in den Quellen, auf deren Grundlage die Übersetzer der King-James-Bibel das Wort Feinde wählten, bezieht es sich auf militärische Feinde und darüber hinaus sogar auf alle, die sich gegenseitig aktiv bekämpfen. Heute könnte man sagen, dass es uns geboten ist, unsere Gegner zu lieben. Alle Menschen sind geliebte Kinder Gottes. Präsident David O. McKay hat es so formuliert: "Es gibt keine bessere Möglichkeit, Gott unsere Liebe zu erweisen, als wenn wir unseren Mitmenschen selbstlose Liebe erweisen."

Von dieser seltenen Liebe gegenüber einem Gegner habe ich selbst vor vielen Jahren bei einer Pfahlkonferenz hören dürfen. Als ich vor Beginn der Versammlung meinen Blick über die Anwesenden schweifen ließ, hatte ich das ungewöhnliche Gefühl, ich solle eine bestimmte Frau in einem gelben Kleid als Rednerin aufrufen. Ich fragte den Pfahlpräsidenten, ob diese Frau seiner Meinung nach eine passende Ansprache halten würde, wenn man sie darum bat. Er sagte, er glaube schon. Auf meinen Wunsch bat er sie später nach vorn, um eine kurze Ansprache zu halten.

Als sie zum Podium kam, war ich besorgt, was sie wohl sagen würde. Sie stellte sich als Krankenschwester vor, die Patienten in einer Einrichtung für Maximalversorgung betreute. Zu ihren Patienten zählte jemand, den sie als "den abstoßendsten Mann" beschrieb, den sie je getroffen habe. (Ich fragte mich, wo das wohl hinführen würde.) Bettlägerig, wie er war, tat er, was er nur konnte, um dem Pflegepersonal das Leben zur Hölle zu machen – er fluchte, spuckte auf den Boden und beleidigte es ständig auf sonstige widerwärtige Weise. Sie verabscheute ihn.

Eines Abends hörte sie aus dem Zimmer dieses Mannes ein lautes Krachen. Sofort eilte sie zu ihm ins Zimmer und sah zu ihrem Schrecken, dass er aus dem Bett gefallen war und unkontrolliert zuckend in Glasscherben, Flüssigkeit und Blut lag. In diesem Moment trat eine tiefgreifende Wandlung in ihr ein. Sie spürte, wie die Liebe unseres himmlischen Vaters zu diesem Mann sie fast schon wie elektrischer Strom durchfloss. Sie sah ihn als Kind Gottes.

Als sie neben ihm kniete, ihn in den Armen hielt und versuchte, ihn zu trösten, sagte er: "Ich möchte heimgehen. Ich möchte einfach nur heimgehen." Es dauerte nicht lang, bis er starb. Sie bezeugte: Auf diese Weise dazu gebracht worden zu sein, einen verhassten Feind als Kind Gottes zu sehen, war für sie eines von mehreren prägenden geistigen Erlebnissen. Für mich war es eine Lektion, die ich über die Liebe, die der Vater im Himmel für alle seine Kinder empfindet, lernen musste. Diese Lektion kann uns alle so wandeln, dass wir einander als Kinder Gottes betrachten, die zueinander gehören.

Jahre später beschrieb Präsident Howard W. Hunter ebendiese Liebe Gottes zu seinen Kindern: "Es würde der Welt, in der wir leben, großen Nutzen bringen, wenn sich die Menschen auf der ganzen Welt in reiner Christusliebe übten – eine Liebe, die gütig, sanftmütig und demütig ist. [Sie] lässt blindem Eifer, Hass und Gewalt keinen Raum. … Sie lässt Menschen unterschiedlicher Herkunft in christlicher Liebe zusammen leben, ungeachtet ihres Glaubens, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Staatsbürgerschaft, ihrer finanziellen Lage, ihres Bildungsstandes oder ihrer Kultur."

Wir alle können uns bemühen, unserem Erretter in seinen Lehren darüber nachzufolgen, wie wir miteinander umgehen sollen. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Werte aufgeben sollen. Die Bündnisse, die wir eingegangen sind, positionieren uns unweigerlich als engagierte Teilnehmer am ewigen Wettstreit zwischen Wahrheit und Irrtum. Wir tarieren unsere verschiedenen Aufgaben aus.

Dieser Balanceakt ist nicht einfach. Wenn wir uns bemühen, in unserem eigenen Leben alle Gebote zu halten, wird uns manchmal vorgeworfen, keine Liebe für diejenigen zu haben, die es nicht tun. Wenn wir Liebe zeigen und uns für gute Zwecke einsetzen, werden wir manchmal dahingehend missverstanden, dass wir Resultate unterstützen, die unseren anderen religiösen Pflichten zuwiderlaufen. Als Nachfolger Christi sollten wir jedoch bestrebt sein, friedlich und liebevoll mit anderen Kindern Gottes zusammenzuleben, die unsere Wertvorstellungen nicht teilen und nicht die Bündnisverpflichtungen haben, die wir eingegangen sind. In einer demokratischen Staatsform sollten wir uns um Gerechtigkeit für alle bemühen. In unzähligen Situationen kann nach und nach Freundschaft an die Stelle von Misstrauen oder gar Feindseligkeit zwischen Fremden treten, wenn persönliche Kontakte gegenseitige Achtung hervorbringen.

Der Prophet Joseph Smith hat gesagt, dass wir alle Menschen "mit Liebe reich beschenken" sollen. Der Apostel Johannes schrieb über unseren Erretter: "Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat." (1 Johannes 4:19.) Wir können dem Beispiel Jesu Christi, der ja unser Vorbild ist, folgen und uns dafür entscheiden, andere zu lieben – selbst wenn sie uns wenig oder gar keine Liebe entgegenbringen. Er hat verkündet: "Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden." (Matthäus 5:9; siehe auch 3 Nephi 12:9.)

Frieden stiften! Wie würde es doch die Welt verändern, wenn Nachfolger Christi in ihrer gesamten Kommunikation auf harsche und verletzende Worte verzichteten!

Bei der Generalkonferenz hat Präsident Russell M. Nelson uns dazu aufgefordert, uns "ein für allemal" dafür zu entscheiden, ein Friedensstifter zu sein.

Wie kann man als Einzelner Friedensstifter sein?

Ein Bischof, der bestrebt ist, einer krisengebeutelten Ehe Heilung zu spenden oder persönliche Streitigkeiten zu schlichten, bemüht sich um Frieden.

Jugendliche sind Friedensstifter, wenn sie auf das vorübergehende Vergnügen rein ichbezogener Beschäftigungen verzichten und sich stattdessen an Dienstprojekten beteiligen oder auf andere Weise Gutes tun.

Auch Menschen, die versuchen, menschliches Leid zu verringern, und Menschen, die sich für die Verständigung zwischen verschiedenen Völkern einsetzen, tragen sehr zum Frieden bei. Das gilt auch für treusorgende Mütter und Väter, die sich liebevoll um ihre eigenen Kinder kümmern oder Pflegekinder aufnehmen und diese in Rechtschaffenheit erziehen, statt zuzulassen, dass sie durch die Sünden anderer Narben davontragen und verdorben werden.

Unsere Missionare bemühen sich, Friedensstifter zu sein. Sie predigen dem Einzelnen Umkehr von Verderbtheit, Habgier und Unterdrückung, denn nur wenn sich der Einzelne ändert, kann sich eine ganze Gesellschaft schließlich über solche Übel erheben. Unsere Missionare laden alle Menschen ein, umzukehren und zu Christus zu kommen, und setzen sich so für den Frieden ein. Zu diesem Zweck helfen sie dem Einzelnen, zu Christus zu kommen und "eine mächtige Wandlung" im Herzen und im Verhalten zu erleben (siehe Mosia 5:2).

Meine Brüder und Schwestern, mögen wir als Nachfolger Christi ihm folgen, indem wir ohne Streit auskommen und uns der Sprache und Methoden von Friedensstiftern bedienen. Vermeiden wir in unseren Familien und anderen persönlichen Beziehungen doch alles, was barsch und gehässig ist. Streben wir danach, heilig zu sein wie unser Erretter, in dessen heiligem Namen, im Namen Jesu Christi, ich Zeugnis gebe. Amen.

Diese Ansprache zitierenDallin H. Oaks, „In Christus lebendig“, Generalkonferenz April 2026, Versammlung am Sonntagvormittag (2026-04-01). Pulpit Vault, 2026-04-oaks-alive-in-christ. Offizielle Übersetzung der Kirche, churchofjesuschrist.org.Pulpit Vault, Ausgabe vom 23. September 2026 (commit 4bdc6ac627).