Liebt alle Menschen, liebt jeden Einzelnen
Gérald Caussé
Vor einiger Zeit stellte mir eine Journalistin diese einfache und doch tiefgründige Frage: "Was wissen Sie jetzt, nachdem Sie als Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel ordiniert wurden?" Ich antwortete ohne zu zögern: "Ich habe gelernt, dass meine Liebe weiter zunehmen kann." ¶
In den letzten Monaten waren meine Frau Valérie und ich zutiefst berührt von der großen Liebe und den vielen Gebeten der Mitglieder aus aller Welt. Durch Sie, meine lieben Brüder und Schwestern, haben wir die Liebe Gottes intensiver verspürt als je zuvor in unserem Leben. Und daraufhin ist unsere Fähigkeit, andere zu lieben, in einer Weise gewachsen, wie wir es nie erwartet hätten. ¶
Christliche Liebe wächst und vervielfacht sich, wenn man sie weitergibt. Wenn wir anderen reine Christusliebe entgegenbringen, erkennen sie deutlicher, wie viel sie dem Herrn bedeuten – und dies wiederum erweitert und stärkt ihre Fähigkeit, andere zu lieben. ¶
Vor Jahren, als ich eine entspannte Zeit in wunderschöner Landschaft verbrachte, ging ich nach Sonnenuntergang nach draußen, um mich auf einem Liegestuhl auszuruhen. Die Nacht war so dunkel, dass ich kaum etwas sehen konnte. Instinktiv schaute ich nach oben und bemerkte einen winzigen flackernden Lichtpunkt, dann noch einen. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, füllte sich der Himmel mit Sternen. ¶
Mir kam der Gedanke: "So ist es auch mit unserer Beziehung zu Gott." Manche meinen, er sei weit weg, und das Leben erscheint deshalb schwer. Wenn sie jedoch innehalten und über seine Gegenwart in ihrem Leben nachdenken, stellen sie fest, dass er nahe ist – dass er auf stille Weise bei ihnen ist, viel näher, als sie es sich vorstellen. ¶
Als ich über diesen Gedanken nachsann, kam mir eine Frage aus einem Psalm Davids in den Sinn: ¶
"Seh ich deine Himmel, die Werke deiner Finger, Mond und Sterne[:] ¶
Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?" ¶
Die Antwort darauf ist überaus tröstlich: "Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit." ¶
Das ist das Wunder von Gottes Beziehung zu uns: Das Universum ist unvorstellbar groß, und doch ist jede Seele in den Augen unseres Schöpfers von unendlichem Wert. Auch wenn wir vergleichsweise unbedeutend erscheinen mögen, kennen unser ewiger Vater und sein Sohn Jesus Christus jeden von uns persönlich, denken an uns und lieben uns. ¶
1905 fand Civilla D. Martin nach einem Gespräch mit einer Freundin, die seit langem unter gravierenden gesundheitlichen Beschwerden litt, die Inspiration für das beliebte Kirchenlied "Er wacht auch über mich". Als Civilla ihre Freundin fragte, wie sie es schaffe, sich nicht völlig entmutigen zu lassen, antwortete diese: "Wie kann ich mutlos sein, wenn mein Vater sogar auf die Sperlinge achtet und ich weiß, dass er mich liebt und für mich sorgt?" ¶
Ihre Worte spiegeln die Lehre des Erretters wider, dass kein Spatz ohne das Wissen des Vaters zu Boden fällt – und dass "sogar die Haare auf [unserem] Kopf alle gezählt" sind. Elder Neal A. Maxwell führte aus, dass derselbe Gott, der über Galaxien herrscht, auch unser Leben lenkt. "Gott ist im Detail!", sagte er. "Er kennt und liebt jeden einzelnen und alle Menschen!" ¶
Ich gebe Zeugnis für diese Wahrheit: Gott und sein Sohn Jesus Christus lieben alle Menschen – und sie lieben jeden Einzelnen. ¶
Als ich mich mit den heiligen Schriften auf Englisch befasste, fielen mir dutzende Verse auf, in denen die Wörter alle und jeder zusammen vorkommen. Zum Beispiel erfahren wir in Mosia: Der Herr wird kommen und er gedenkt "eines jeden Geschöpfs seiner Schöpfung", und er wird "sich allen kundtun". ¶
Das Wort alle verdeutlicht die universelle Reichweite der Liebe Gottes. Das Wort jeder zeugt von seiner Macht, sich jeder einzelnen Seele anzunehmen. ¶
Diese zwei Tatsachen kommen am deutlichsten im Sühnopfer Jesu Christi zum Ausdruck. Alle Söhne und Töchter Gottes, ohne Ausnahme, werden in vollem Umfang Zugang zu den erhabenen Segnungen dieses Sühnopfers erhalten. Und doch ist es ein zutiefst persönliches Geschenk, das auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen zugeschnitten ist und sich jeweils auf nur eine Person bezieht. ¶
Als Jünger Jesu Christi geben wir jedes Mal Zeugnis für ihn, wenn wir alle unsere Mitmenschen in seine Liebe einbeziehen – und mithelfen, dass sie in jedem Einzelnen, dem wir begegnen, Wurzeln schlägt. ¶
Alle Menschen zu lieben und jeden Einzelnen zu lieben, sind nicht zwei verschiedene Arten von Liebe, sondern ein und dieselbe göttliche Liebe, die sich auf zwei Ebenen ausdrückt: die eine so weitreichend, dass sie die ganze Welt umfasst, und die andere so persönlich, dass sie einen einzelnen Menschen mit seinen individuellen Bedürfnissen, Lebensumständen und seiner Lebensgeschichte wahrnimmt. ¶
Erstens: Alle Menschen lieben. ¶
Suchen wir uns aus, wer unsere Liebe verdient, oder erweisen wir allen, mit denen wir Umgang haben, christliche Liebe? ¶
Der Herr fragte: "Wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes?" Für ihn sind alle Menschen auf dieser Erde unsere Nächsten: Es gibt keine Fremden oder Ausgestoßenen, nur Brüder und Schwestern. ¶
Der Prophet Joseph Smith hat erklärt: "Wer von der Liebe Gottes durchdrungen ist, der will nicht allein seiner Familie ein Segen sein, vielmehr will er überall, wo er ist, der ganzen Menschheit zum Segen gereichen." ¶
Mit "Nachfolge Jesu" war nie gemeint, dass man sich auf einen gemütlichen Kreis vertrauter Freunde beschränkt, die nur mit ihren eigenen Interessen befasst sind. Vielmehr sind unsere Gemeinden ein wunderschönes Mosaik – bereichert durch unterschiedliche Herkunft, kulturelle Vielfalt und Erfahrungen – und doch vereint in der Hingabe an Christus. ¶
Durch das Dienen in der Kirche erweitert sich unser Kreis der Liebe und vergrößert sich unser Bekanntenkreis. Wir begegnen Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensumständen – neuen Freunden, Brüdern und Schwestern in Not, Neubekehrten sowie Missions- oder Betreuungspartnern. Wir dienen nicht nur denen, die wir bereits lieben; vielmehr lernen wir Menschen lieben, indem wir ihnen dienen. ¶
Zweitens: Jeden Einzelnen lieben. ¶
Haben wir nur oberflächlich mit anderen zu tun, oder möchten wir wirklich jeden Menschen, dem wir begegnen, kennenlernen und ihm unsere Aufmerksamkeit schenken? ¶
Obwohl er oft von Menschenmengen umgeben war, schenkte der Erretter dem Einzelnen stets seine volle Aufmerksamkeit – einem Schaf, einem Aussätzigen, einer Samariterin, einem kleinen Kind, einer Seele nach der anderen. In seiner Liebe ging niemand jemals in der Menge unter. ¶
Auch in der Kirche Jesu Christi darf es keine Anonymität geben. Wenn wir durch heilige Bündnisse in die Herde Christi aufgenommen werden, sind wir bekannt und werden im Auge behalten und umsorgt – einer nach dem anderen. ¶
Durch meinen Dienst innerhalb und außerhalb der Kirche habe ich erlebt, dass selbst Menschen, die anfangs unbedeutend schienen, zu den bemerkenswertesten und inspirierendsten Menschen geworden sind, die ich kenne. In jeder Seele steckt eine wunderbare Tiefe und unglaublich viel Liebenswertes. ¶
Die Geschichte Die Schöne und das Biest hat mir schon immer gefallen – nicht nur, weil sie in Frankreich spielt oder weil ich mich gut mit Lumières bezauberndem Akzent identifizieren kann, sondern wegen der schönen Wahrheit, die sie veranschaulicht. ¶
Belle wird in einem Spukschloss von einem furchterregenden und abstoßenden Biest gefangen genommen – das in Wirklichkeit ein junger Prinz ist, der durch einen Zauber im Körper eines furchterregenden Monsters gefangen ist. Anstatt das Biest nach seinem Aussehen zu beurteilen, lernt Belle, darüber hinwegzusehen. Sie erkennt, dass die Bitterkeit, die groben Manieren und der aufbrausende Zorn des Biestes nur eine Fassade sind, hinter der sich eine verwundete Seele verbirgt, die sich danach sehnt, zu lieben und geliebt zu werden. ¶
Durch Belles Geduld, ihre Güte und liebevolle Fürsorge setzt eine erstaunliche Wandlung ein – eine, die tief in der Seele des Biestes beginnt und schließlich sogar sein äußeres Erscheinungsbild verändert. Der Bann ist gebrochen und der junge Prinz kommt wieder zum Vorschein, was allen große Freude bereitet, die sich versammeln, um ihren neuen König und ihre neue Königin zu feiern. ¶
Auch uns werden, wenn wir jedem Einzelnen, dem wir dienen, christliche Liebe erweisen, die Augen für sein göttliches Potenzial geöffnet. Wir beginnen, diese Menschen so zu sehen, wie der Herr sie sieht – als sterbliche Seelen, die durch die erneuernde Kraft und Gnade des Erretters einst zu erhöhten Wesen werden können. ¶
Wenn wir uns um jede einzelne Seele kümmern, helfen wir ihr, eine Verbindung zum Erretter aufzubauen, und bieten ihr an, durch sein sühnendes Blut geheilt und gewandelt zu werden. Infolgedessen werden wir selbst gesegnet – wir werden mehr wie der Erretter und werden von großer Freude erfüllt. ¶
Meine lieben Brüder und Schwestern, als einer seiner besonderen Zeugen bezeuge ich, dass uns unser Erretter Jesus Christus mehr liebt, als wir es uns je vorstellen können. In einem Kirchenlied heißt es: "Der Herr sieht selbst den Sperling und wacht auch über mich." ¶
Mögen wir dem vollkommenen Beispiel des Herrn folgen und lernen, alle Menschen zu lieben und jeden Einzelnen so zu lieben, wie er uns liebt. Im Namen Jesu Christi. Amen. ¶