Die ewige Ehe ist eine ewige Reise
Neil L. Andersen
Nachdem der Erretter im Garten Getsemani und am Kreuz seine unvergleichliche Liebe erwiesen und sein einzigartiges Opfer gebracht hatte, wurde sein lebloser Körper in einem geliehenen Grab sicher versiegelt. Doch das Grab konnte den erhabenen Sohn Gottes nicht halten. "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?", riefen die Engel aus. "Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden." ¶
Weil unser Erretter den Sieg über Tod und Sünde errungen hat, werden wir seinen Namen für immer preisen. ¶
Doch Jesus Christus hat noch weitere unermessliche Segnungen gebracht. Zu seinem Apostel Petrus sagte er: "Was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein." Die heilige Siegelungsmacht ist auf Erden wiederhergestellt worden und ist heute in den geweihten Tempeln des Herrn zu finden. Präsident Gordon B. Hinckley hat gesagt: "Wäre aus all dem Kummer und der Mühsal und dem Leid, die mit der Wiederherstellung verbunden waren, nichts weiter hervorgegangen als die Siegelungsmacht des heiligen Priestertums, mit der Familien für immer aneinander gebunden werden können, so wäre dies schon jeden Preis wert gewesen." ¶
In meinen 74 Lebensjahren habe ich nur wenige Erfahrungen gemacht, bei denen sich fast jede Regung, jedes Gefühl fest in mein Bewusstsein eingeprägt hat. Eine der bewegendsten war, als ich meiner Frau Kathy in einem heiligen Tempel Gottes am Altar gegenüberkniete. Die Hoffnungen, die Träume und die Liebe, die wir teilten, gingen in ein Kaleidoskop freudiger Erwartung auf, als wir die unvergesslichen Worte vernahmen: "für Zeit und für alle Ewigkeit". ¶
Ich spreche vor allem zu denjenigen in dieser riesigen weltweiten Versammlung, die liebend gern an diesen besonderen Tag in ihrem Leben zurückdenken. ¶
In diesem Augenblick, da wir einander am Altar gegenüberknien, wird uns deutlich bewusst, wie tiefgreifend wir uns Gott und einander verpflichtet haben. Die heilige Handlung bindet uns an unseren Partner für die Ewigkeit und an Gott. Wir geloben feierlich, die Bündnisse zu halten, und der Herr verheißt uns, wenn wir treu sind, unaussprechliche Segnungen im Erdenleben und darüber hinaus, darunter Throne, Mächte und Königreiche in der ewigen Welt. ¶
Eine noch größere Hoffnung kommt jedoch in unserem Wunsch zum Ausdruck, unser inneres Wesen zu veredeln und mehr wie unser Erretter zu werden, damit wir eines Tages bei ihm leben können. In unserer heiligen Ehe – gebunden an Gott und aneinander – befinden wir uns in einem Schmelztiegel geistiger Entwicklung, wo wichtige Eigenschaften wie Opferbereitschaft, Nächstenliebe, Geduld und Friedensstifter sein, worüber Präsident Dallin H. Oaks heute Vormittag gesprochen hat, ein größeres Ausmaß in uns erreichen können. Diese Eigenschaften entsprechen ja, wie Präsident D. Todd Christofferson ausführte, dem Charakter Christi. ¶
Wenn wir unsere Liebe zum Erretter vergrößern, wächst auch unsere Liebe zueinander. Wie unsere eigene Nachfolge Christi ist auch unsere ewige Ehe kein kurzfristiges Experiment, sondern eine Reise – eine ewige Reise, auf der wir der Mensch werden, den Gott haben möchte. ¶
In weiten Teilen der Welt schwindet das Vertrauen in die Dauerhaftigkeit der Ehe. Im Evangelium Jesu Christi verkünden wir, dass "die Ehe zwischen Mann und Frau von Gott verordnet ist". Wir glauben an die ewige Ehe, wir sprechen über die ewige Ehe und wir streben eine ewige Ehe an. ¶
Wir sehen unserer Ehe mit Glauben und Zuversicht entgegen, weil wir uns gewissenhaft auf die Bündnisse vorbereiten, die wir im Haus des Herrn schließen. In unserer Jugend stärken wir unseren Glauben an Jesus Christus und halten seine Gebote, auch das Gesetz der Keuschheit, ein Gesetz, das so viele in der Welt beiseitegeschoben haben. Wir nehmen den Namen Jesu Christi auf uns. ¶
Doch auch wenn wir gut vorbereitet sind, haben wir alle selbstverständlich Schwächen, und uns ist bewusst, dass wir mehr Selbstlosigkeit, mehr Umkehr und mehr Vergebungsbereitschaft brauchen werden. Kathy und ich hatten in die Papierservietten für unseren Hochzeitsempfang folgende Worte von William Shakespeare einarbeiten lassen: "Das ist Liebe nicht, die wechselt mit der Zeiten Wechsel." In den ersten Monaten, als sie mich besser kennenlernte, sorgte ich dafür, dass in unserer Wohnung immer wieder mal eine der übrig gebliebenen Servietten in ihrem Sichtfeld auftauchte. ¶
Wir nehmen das Glück und die Sorgen des Lebens an und meißeln dabei gleichzeitig unsere Bündnisse unauslöschlich in unsere Seele ein, und wir halten unsere Augen himmelwärts auf die herrliche Bestimmung gerichtet, die uns erwartet. Wir wissen, dass nicht alle der göttlichen Eigenschaften, die wir anstreben, in diesem Leben vervollkommnet werden. Die ewige Ehe ist eine ewige Reise. ¶
In unserem Privatleben und in unserer Ehe brauchen wir unbedingt die Gabe des Heiligen Geistes. Wie schon bei dieser Konferenz zitiert, hat Präsident Dallin H. Oaks vor kurzem gesagt: "Der Widersacher [ist] so erfolgreich darin geworden …, die Wahrheit zu verschleiern, dass [wir] getäuscht [werden], wenn [wir] den Heiligen Geist nicht bei [uns haben]. Viele Hindernisse liegen vor uns. Es wird viele Ablenkungen geben." ¶
Eine der Täuschungen der Welt besteht darin, die heilige Bedeutung und die eigentliche Macht der Siegelung abzuwerten. Bewahren Sie Ihre Hoffnung aufeinander und auf Jesus Christus. Seine Verheißungen können uns durch Hindernisse und Ablenkungen hindurchhelfen. ¶
Es gibt Zeiten in unserer Ehe, die eine außerordentliche Portion Geduld erfordern. ¶
An unserem 25. Hochzeitstag waren meine Frau und ich in Philadelphia und sprachen zu Missionaren. Ich erhielt einen Anruf von Präsident Boyd K. Packer von den Zwölf Aposteln. Am Ende unseres Gesprächs sagte ich: "Präsident Packer, heute ist unser 25. Hochzeitstag. Ist das nicht eine große Leistung?" Ohne zu zögern, antwortete er: "Für Kathy schon!" Lassen Sie mit Ihrer Hoffnung auf Christus und Ihrem Glauben an ihn zu, dass der Herr Ihre geistigen Gaben Verständnis und Geduld erweitert. ¶
Wenn ich über die ewige Ehe spreche, möchte ich noch zwei weitere Punkte anführen. ¶
Erstens: Alle wahren Jünger und Jüngerinnen Jesu Christi werden, sofern sie diesen Wunsch haben, für die Ewigkeit an einen rechtschaffenen Partner ihrer Wahl gesiegelt werden – wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten. ¶
Zweitens: Manchmal kommt die Frage auf, ob es Situationen gibt, in denen eine Scheidung in Betracht kommt. Die Antwort lautet, dass das durchaus der Fall sein kann, man aber äußerst vorsichtig sein muss. Ich werde Aussagen von Propheten zu diesem Thema der schriftlichen Fassung meiner Botschaft hinzufügen. ¶
Vor fünfzig Jahren lernten Kathy und ich ein beeindruckendes Paar kennen, das ebenfalls kurz zuvor im Haus des Herrn geheiratet hatte. Das Leben war vielversprechend. Sie bekamen Kinder. Die Frau war talentiert und voller Glauben. Der Mann war beruflich erfolgreich. Sie hielten ihre Bündnisse. ¶
Dann bekam die junge Frau unerwartet ernste gesundheitliche Probleme. ¶
Ihr Sohn erzählte mir kürzlich von diesen Gedanken: ¶
"In meinen jüngeren Jahren durchlebte meine liebe Mutter niederschmetternde Zeiten mit schweren Depressionen und hatte über längere Phasen hinweg Schwierigkeiten, sich auch nur um ihre eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Das war für beide – meine Mutter und meinen Vater – eine neue Lebenswirklichkeit. Alles war nun anders, als sie es sich vorgestellt hatten. ¶
Mein Vater war nie mit psychischen Krankheiten in Berührung gekommen und suchte Hilfe beim Vater im Himmel. Ich weiß nicht, wie oft ich hereinkam und ihn auf seinen Knien vorfand oder wie viele Sonntage er wieder still und heimlich fastete. Er versorgte meine Mutter – und auch uns – mit unglaublicher Liebe, Geduld und Demut. Er bemühte sich um den Einfluss des Heiligen Geistes und hoffte dabei, so zu lieben, zu handeln und zu reagieren, wie der Erretter es tun würde. ¶
Meine Mutter war die Liebe seines Lebens. Zeiten wie diese würden ja nur einen kurzen Augenblick andauern. Sie waren für immer aneinander gebunden. Wenn sie treu blieben, würden sie in der Ewigkeit gesund und glücklich zusammen sein. Diese Verheißung schenkte ihm einen vollkommenen Glanz der Hoffnung. ¶
Während meine Mutter oft das Gefühl hatte, dass ihre Schwierigkeiten eine Belastung für meinen Vater darstellten, sah er das anders. Nur zu gern war er für diese umwerfende, wertvolle Tochter Gottes da. ¶
Während meine Mutter tapfer – und dank vieler Wunder – einen Großteil ihrer gesundheitlichen Probleme überwand, erlebten meine Eltern gemeinsam Licht und Freude: als Ehepaar, als Eltern und als Großeltern. ¶
Als meine Mutter dann über sechzig war, sah sie sich mit einer ganz anderen Reihe von Prüfungen konfrontiert, darunter Brustkrebs und neurologische Beschwerden, die ihre Gehfähigkeit einschränkten. Abermals verdoppelten sie und mein Vater ihre Bemühungen um die Verpflichtungen, die sie miteinander eingegangen waren, und um ihre Bündnisse mit dem Herrn. ¶
Gemeinsam arbeiteten sie daran bis zum letzten Tag ihres Erdenlebens." ¶
Die ewige Ehe ist eine ewige Reise. ¶
Wer gibt Ihnen die Kraft, aneinander festzuhalten und den irdischen Teil dieser ewigen Reise zu Ende zu gehen? ¶
Der "ewige Gott, der die Enden der Erde erschuf". Er, der am dritten Tag auferstand, "er wird nicht müde und matt". ¶
Er "gibt [Ihnen] Kraft", wenn Sie müde sind, und wenn Sie kraftlos sind, "verleiht er [Ihnen] große Stärke". ¶
Und wenn Sie gemeinsam "auf den Herrn hoffen, empfangen [Sie] neue Kraft, wie Adlern wachsen [Ihnen] Flügel. Sie laufen [gemeinsam] und werden nicht müde, [Sie] gehen und werden nicht matt." ¶
Für diese heilige Verheißung gebe ich feierlich Zeugnis im Namen Jesu Christi. Amen. ¶